"Kony 2012": Kaltschnäuzige Geldmacherei statt Hilfe?

Zsolt Wilhelm
16. März 2012, 08:52

Massive Kritik an Invisible Childrens Kampagne: Aktivisten helfen vor allem sich selbst

Das Viralvideo "Kony 2012" hat sich wie ein Lauffeuer in den sozialen Medien verbreitet. Bereits 100 Millionen Menschen haben den 30-minütigen Hilfeaufruf der amerikanischen Non-Profit-Organisation Invisible Children angesehen und sich von den Kindersoldaten des ugandischen Rebellenführers Joseph Kony überzeugt. Es sei an der Zeit, aktiv zu werden und Konys Verhaftung herbeizuführen oder sie zumindest zu fordern, so die Aussage. Das von einem "Guardian"-Filmkritiker als aktivistisch und polemisch "einfach brillant" bezeichnete Werk und dessen Kernaussage "Stop Kony" fanden in kürzester Zeit hunderttausende lautstarke Unterstützer. Auch DER STANDARD-Kolumnist Hans Rauscher konnte der Initiative viel Positives abgewinnen. Über Twitter und Facebook wurden Medien dazu angehalten, über die Missstände zu berichten. Mit einer solchen Beharrlichkeit, dass selbst der ansonsten sehr gefasste "ZiB 2"-Moderator Armin Wolf "laut" wurde: "Sorry, aber der Nächste, der mir das Kony-Video schickt, wird geblockt. Ich habe es schon! Ein paar Dutzend Mal."

Schwere Kritik an Filmemachern

Drei Wochen nach der Erstveröffentlichung scheint das Feuer, wenn überhaupt, nur noch zu lodern. Es dauerte nicht lange, bis kritische Stimmen die spektakulär aufbereiteten Inhalte der Filmemacher in Frage stellten. Joshua Keating vom Foreign Policy Blog fasste die Unmutsäußerungen ugandischer Journalisten zusammen, wonach Invisible Children nicht die Probleme der Zeit ins Visier nehme. "Es wäre toll, Kony loszuwerden. Er und seine Streitkräfte haben über 20 Jahre eine Spur der Entführungen und der Massenmorde hinter sich gelassen", so Keating. "Doch Kony ist nicht in Uganda und ist es seit sechs Jahren nicht mehr gewesen." Die Schergen von Konys Lord's Resistance Army (LRA) wurden 2006 militärisch aus Uganda vertrieben und treiben seither schwer dezimiert in entlegenen Gebieten des Kongo, des Südsudan und Zentralafrikas ihr Unwesen. Hier werde auch Kony vermutet.

(Nach Kony-Video: Kritische Stimmen auch auf Youtube)

"Die Kampagne eine Fehlinterpretation zu nennen, ist ein Understatement"

Ein weiterer zentraler Punkt des Videos behandelt die bereits in Uganda stationierten US-Berater, die vergangenen Oktober zur Auffindung Konys hingeschickt wurden. Demnach solle durch die Lenkung der Aufmerksamkeit auf die Problematik sichergestellt werden, dass US-Präsident Barack Obama die 100 Mann nicht wieder abzieht. Doch zum einen gebe es derzeit gar keine Anzeichen, die auf einen frühzeitigen Abzug hinweisen würden. Und zum anderen schreibt Mark Kersten, dass die ungezielte Mobilisierung an sich schon problematisch sei. Damit würde von westlicher Seite in letzter Konsequenz zum militärischen Eingriff aufgerufen und nicht zuletzt an den 2012 tatsächlich vorherrschenden Missständen vorbeigeschossen, warnt der ugandische Journalist Angelo Izam.

"Die Kampagne eine Fehlinterpretation zu nennen ist ein Understatement. Während sie die Aufmerksamkeit auf das Faktum richtet, dass Kony als 2005 vom Internationalen Gerichtshof verurteilter Kriegsverbrecher noch immer auf freiem Fuß ist, werden im Video Verbrechen aus einer längst vergangenen Ära porträtiert." Währenddessen würden viele der damals geflohenen Kinder heute als Jugendliche in unmenschlichen Verhältnissen nach wie vor auf den Straßen Nordugandas leben. "Gulu hat das größte Aufkommen an Kinderprostition in Uganda und eine der höchsten HIV- und Hepatitis-Raten des Landes", sagt Izam und zeigt auf, an welchen Stellen es wirklich internationaler Unterstützung bedarf. Heute seien die "unsichtbaren Kinder" jene, die an den Folgen der einstigen Verbrechen leiden. "Über 4.000 Kinder sind Opfer katastrophaler Lebensumstände."

Fragwürdige Finanzierung

Die Kampagne von Invisible Children wirft zudem wiederholt ein schlechtes Licht auf das Geschäftsgebaren der Organisation. Dem Aufruf nach sollten Unterstützer vier Aktionen setzen: das Video teilen, die Petition unterschreiben, das "Kony 2012"-Armband und das Action-Kit für 30 US-Dollar bestellen und sich zum Spenden eintragen. Wie John Vidal vom "Guardian" aufschlüsselt, ist es allerdings fraglich, ob die finanzielle Unterstützung von Spendern auch dort ankommt, wo Hilfe benötigt wird. "Hinter der glatten Webseite und den berührenden Worten findet sich eine kaltschnäuzige Geldmacherei, angeführt von US-Filmemachern, Buchhaltern, Kommunikationsexperten und Verkäufern", schließt Vidal. Von den 8,8 Millionen Dollar Umsatz im Jahr 2011 (zwei Drittel durch Spenden) seien allein 25 Prozent für Reisen und Filmproduktion aufgewendet worden. Lediglich 30 Prozent kamen tatsächlich Projekten zugute. Der größte Teil wurde in den USA ausgegeben. 1,7 Millionen Dollar gingen an die Angestellten.

Vorführung abgesetzt

Nach den wütenden Protesten einheimischer Journalisten wurde so auch die Vorführung des Videos im Norden Ugandas abgesetzt, berichtet die französische Nachrichtenagentur AFP. Die ugandische Nicht-Regierungsorganisation Ayinet, die das halbstündige Video hatte zeigen wollen, teilte am Donnerstag mit, sie habe aufgrund der wütenden Reaktionen der Zuschauer alle weiteren Vorführungen abgesetzt. Bei einer Vorführung am Dienstag in der Ortschaft Lira hätten die Zuschauer, unter ihnen zahlreiche Opfer von Konys LRA, "extrem stark" und mit "großer Wut" auf den Film reagiert, sagte der Ayinet-Direktor Victor Ochen. Einige hätten Steine geworfen, woraufhin die Vorführung abgebrochen worden sei. 

Wie Ochen erklärte, ist die Sicht des Films auf den Konflikt im Norden Ugandas nach Ansicht der Zuschauer überholt und undifferenziert. "Die Leute fragten, warum sie weiße Kinder in Amerika zeigten und nicht die Wahrheit über die Situation der Bewohner der Region sagten", sagte Ochen. Da habe seine Organisation begriffen, dass die Reaktionen in der ganzen Gegend die gleichen sein würden.

Trittbrett Internet

"Kony 2012" veranschaulicht abseits zweifelhafter Spendenaktionen vor allem auch eines: Die unendlichen Manipulationsmöglichkeiten, die das Internet erfahrenen Social-Media-Experten bieten. Vielleicht erfüllt Invisible Children auf diese Weise ungewollt einen ganz anderen guten Zweck. Nämlich, dass neben jedem Like-Button auch ein Fragezeichen stehen sollte. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 16.3.2012)

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Is doch nichts neues...

... in einem Land wird ein Öl vorkommen gefunden - ein paar Monate später suchen Amerikaner etwas um dieses Land von seinem Öl zu befreien.

Das schöne ist nur das selbst hier das ende 2011 in Uganda gefundene Öl vorkommen nicht erwähnt wird.

Ihr ewigen Schlechtmacher!

Macht doch mal selber was!

Übernehmt Verantwortung!

Ihr ewigen Schlechtmachposter!

100 Millionen Menschen wissen nun wer Kony ist - Super!

Der Film grandios gemacht, mit allen Mitteln der Marketingkunst!

Aber am Anfang stand ein Versprechen, nämlich Jakob zu helfen!

Und wie arbeiten Organisatinen wie Amnesty, ankeilen auf offener Straße, wie die letzte Drückerpartie, und muß deshalb Amnesty aufhören? Oder auch Greenpeace?

Kriegt Euren Arsch vom Boden und geht in die Schulen, in die Parks, fährt nach Afrika, aber macht endlich was anstatt hier dumm rumzuschreiben!
Es ist echt zum WÜRGEN!

Versprechen

die grosse und wirklich wesentliche Frage lautet einfach, warum JETZT! ich lebe seit 2005 (also Kony noch offiziell in Uganda aktiv war) in Uganda und frage mich, warum hat es JAHRE gedauert bis das Versprechen "eingeloest" wurde und warum jetzt, zu einem Zeitpunkt wo Kony seit 6 Jahren nicht mehr in Uganda ist - 2006 haben wir hier die Rebellen entlang der Strassen Richtung Suedsudan gehen sehen, es wurde ruhig in Norduganda, die NGOs haben Einzug gehalten, die Region wird bereist und obwohl die Schrecken natuerlich anhalten, die Auswirkungen spuerbar sind, so sind die Anlaesse doch Vergangenheit und die Aufarbeitung der Greuel hat begonnen.............. ich finde Kony2012 nicht nur absolut absurd sondern sogar straeflich

Das stimmt, der Film ist grandios und auch sehr hinterlistig!
Sicher zeigt es, dass was verändert gehört, aber das weiß jeder ganz genau!
Und der Anlass diesen Film zu drehen und zu verbreiten war sicher nicht den Menschen in Uganda zu helfen.
Sowas Scheinheiliges hab ich seit der Entwicklungshilfe schon lang nicht mehr gesehen!

China... pardon, Kony darf auf keinen Fall mehr Einfluss in Afrika erlangen, sofort US Truppen nach Uganda bitte!

hahaha

Dummheit ist grenzenlos,gerade bei facebook....

Da wurde den facebook-Jüngern mal, abseits von shoppen, reisen, Party machen, selbst darstellen
ein anderes Thema präsentiert. Nämlich mal "Weltfrieden, Afrika, Gut&Böse" usw.
Schön aufbereitet, mit schönem facebook-Bezug. Weil facebook is ja so geil und mächtig usw.

Man braucht auch nicht nachdenken, sich informieren, man muss nur sharen und spenden.
Egal wohin.

Und so haben sie dann das gute Gefühl mit facebook die Welt zu retten.

Wenn diese Leute sich nur mal auch im Real Life so viel Enthusiasmus zeigen würden.....

"Bitte helft den Menschen dort, liebe US-Army!"

wir reden drüber, gut...

ich find das ganze super!

hab auch was gespendet! und wenn von meine 10 gespendeten Dollar 6 ankommen, ist es besser als null!

so seh ich das!

Ca. 30% kommen an...also 3€ von 10 gespendeten...

WOFUER???

ich frage mich nur, wofuer haben Sie gespendet???????????? wenn es Ihnen einfach darum ging zu spenden gebe ich auch gerne meine Kontonummer bekannt...
oder, ich lade Sie zu uns nach Uganda ein - hier TUMMELN sich die NGOs in Norduganda (Gulu etc.) da die Situation bereits seit 2006! "friedlich" ist und zulaesst, dass die Greuel und die Kriegstraumata von Einzelnen und Bevoelkerungsschichten aufgearbeitet werden... Kony2012 ist voellig veraltert!

informieren Sie sich doch!

Uganda bekommt jaehrlich Millionen an Spendengeldern (und ich spreche von US$ und nicht Uganda Shilling)... das Problem sind nicht die fehlenden Gelder sondern die Verantwortungslosigkeit von Politik, NGOs und Entwicklungszusammenarbeit

und wenn von den gespendeten 10 dollar, 0 dort ankommen und 10 in den USA, wie ist das dann?

von deinen 10 gespendeten kommen - wenn überhaupt - 3 an

Im Ernst? Nach all der Kritik an der Organisation, ihren fraudulenten Methoden und dem allgegenwärtigen Hinweis darauf, dass diese Aktion absurd ist und den Menschen in Uganda genau gar nichts bringt, weil die mittlerweile mit ganz anderen Problemen zu kämpfen haben, haben Sie Invisible Children 10$ gespendet?
Sie tun mir leid. Wenn Sie mir ihre Kontonummer verraten, spende ich Ihnen auch gerne was.

spätestens...

...wie der niederländische außenminister rosenthal wutentbrannt gerufen hat, kony gehört sofort eingesperrt, war mir klar, da stinkt etwas.

Ich bin mir sicher Kony wird am 21.12.2012 gefasst!

Zur abwechslung mal wieder ein richtig gut geschriebener Artikel im Web-Bereich!

Die höchst kuriose Folge oberflächlicher Hypes ist z.b. so etwas: https://twitter.com/#!/malone... 6786295808

es wurde nicht Kony wegen öffentlicher Masturbation verhaftet...

...sondern Jason Russell, die nummer eins bei Invisible Children:

http://www.tmz.com/2012/03/1... 2cc_hEaNf9

die frage die sich stellt..

zuerstmal gratuliere dass der stan da rd wie immer die news ca. 3 wochen später als andere medien bringen - diese diskussion ist ja auch schon etws älter... ;-)

die frage ist die: wäre die welt OHNE das video eine bessere ?

das projekt war ja nie ein spenden und hilfprojekt. sondern eine art marketing / PR kampagne. d.h. die gelder die reinfliessen werden für den film, PR, lobbying und bekanntmachen des themas verwendet. von unterstützung diverser hilfsprojekte war nie die rede, das kann man den machern auch nicht vorwerfen.

es ist sicherlich berechtigt die öffentlichkeit zu aktivieren wenn der intern. strafgerichtshof es nicht schafft verurteilte verbrecher zu fassen. warum also die aufregung ?

die frage ist die: wäre die welt OHNE das video eine bessere ?

Das müssen sie all die gefoppten Teenager Fragen, die ihre Ersparnisse in "Stop Kony 2012 Action Kits" investiert habne. Diese Organisation betreibt schon seit Jahren massive Lobbyarbeit für die Rüstungsindustrie, indem sie versucht Jugendliche mit Popmusik, Musical-Gehampel und Dauersmile auf militärische Interventionen einzustimmen. Insofern würde ich sagen: Ja, ohne das Video wäre die Welt eine bessere.

Ach so.. falls nicht klar ist, was gemeint ist, hier ein Promotion Video von Invisible Children aus dem Jahr 2006: http://tinyurl.com/7rg6o7r
Spätestens bei Minute 3:25 dachte ich mir: Nein, das kann nicht wahr sein. Das ist irgendeine total überzogene Persiflage.. Das Traurige ist, das ist leider real. Micky Mouse-Club unter pseudo-humanitären Vorzeichen. Arme Teenies, die sich davon ködern lassen.

joseph kony superstar,

der hat ja alles was es braucht um ein anti-imperialistischer held zu werden. hat eigentlich die deutsche linkspartei schon ein spendenkonto für ihn eingerichtet. schließlich wollen ihm ja die bösen amis sein wohlverdientes öl wegnehmen. sagt zumindest Ken FM ;-)

zu oft auf den kopf gefallen!

Kleiner Tipp: Wechseln Sie den Radiosender oder lesen Sie ein Buch. Je nachdem, was Sie kognitiv weniger überfordert...

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