Robin Hood: Mittelalterlicher Wutbürger und Umverteiler

Die Vorstellung, dass jemand von den Reichen nimmt und den Armen gibt, beflügelt die Vorstellung der Menschen

Männer in einer Art Strumpfhose sind als Kämpfer für Gerechtigkeit eher aus der Mode gekommen - zumindest kommt einem aus dem Stegreif kein prominenter Balletttänzer in den Sinn. Das war einmal anders. Und der berühmteste Vertreter der Spezies gilt auch hunderte Jahre später noch als Synonym für einen Menschen mit dem Drang, Ungerechtigkeiten zu beseitigen: Robin Hood.

Böswillige bemängeln ja, dass Wegelagerei und Raubüberfälle in einem Wald wie dem Sherwood Forest nicht unbedingt für den Friedensnobelpreis qualifizieren. Und Kleingeister mäkeln, dass die Geschichten über den meisterlichen Bogenschützen nur Legenden seien.

Sicher ist das aber nicht. Es gibt mehrere Theorien, wer der Mann war, der mit seinen Gefährten für eine, nun ja, recht unmittelbare Form der Umverteilung von Kapital gesorgt und sich mit dem Staat in Gestalt des Sheriffs von Nottingham angelegt hat. Vom verstoßenen Adeligen bis zum Freibauern reichen die Vermutungen, selbst angebliche Gräber gibt es, etwa eines in der Nähe des heute verfallenen Priorates von Kirklees in Yorkshire. 

Hohe Steuern und korrupte Beamte

Es gibt jedenfalls Indizien, dass die ersten Geschichten über ihn aus der Zeit der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert stammen. Also zur Zeit der Herrschaft des englischen Königs Richard I., genannt Löwenherz. Der war damals auf Kreuzzug beziehungsweise in österreichischem Gewahrsam, und sein Bruder John regierte das Land. Hohe Steuern, korrupte Beamte und Privilegien für begüterte Gruppen wie die Kirche sorgten für Unmut - manche Traditionen sind eben erstaunlich langlebig.

Trotz seiner im Wortsinn teilweise mörderischen Aktionen wollte der mittelalterliche Wutbürger aber keine grundsätzliche Änderung der Gesellschaftsordnung - seinem König gegenüber war er immer treu, in manchen Versionen der Geschichte wird er gar Mitglied seines Haushaltes. Aber die Vorstellung, dass jemand von den Reichen nimmt und den Armen gibt, beflügelt die Vorstellung der Menschen.

Da ist es verständlich, dass er als Namensgeber der "Robin Hood Tax" fungiert, einer Finanztransaktionsabgabe, die von zahlreichen Organisationen gefordert wird. Der Robin-Hood-Index zeigt ungleiche Einkommensverteilung, und auch der Robin-Hood-Effekt spielt in der Wissenschaft eine Rolle. Dass er selbst statt der Theorie die handfeste Praxis bevorzugt hätte, scheint bei seiner Biografie wahrscheinlich. (Michael Möseneder, DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.2.2012)

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