Der Beginn einer angesagten Katastrophe

  • Drohende Hungerskatastrophe in der Sahelzone.
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    Drohende Hungerskatastrophe in der Sahelzone.

  • Am Horn von Afrika, wo im vergangenen Jahr zehntausende Menschen verhungerten, bleibt die Lage angespannt. Zwar ist die letzte Ernte gut ausgefallen, dennoch sind nach wie vor etwa zehn Millionen Menschen in Kenia, Äthiopien und Somalia auf Hilfe angewiesen.
    foto: apa/dpa bothma

    Am Horn von Afrika, wo im vergangenen Jahr zehntausende Menschen verhungerten, bleibt die Lage angespannt. Zwar ist die letzte Ernte gut ausgefallen, dennoch sind nach wie vor etwa zehn Millionen Menschen in Kenia, Äthiopien und Somalia auf Hilfe angewiesen.

Seit Monaten warnen Hilfsorganisationen vor einer Hungersnot in der Sahelzone - Schuld sind zu wenig Regen, zu wenig Hilfe und ausgerechnet die gute Ernte 2011

Dakar/Wien - Nathalie Bonvin versucht gerade elf Millionen Menschen zu helfen. Sie arbeitet in Senegals Hauptstadt Dakar, als Beauftragte für Ernährungssicherheit des internationalen Roten Kreuzes in der Sahelzone. Elf Millionen Menschen haben dort derzeit deutlich zu wenig zu essen, schätzt das Rote Kreuz. Bald könnten es 23 Millionen sein. "Wenn wir nicht bald etwas tun, dann wird das Sterben beginnen", sagt Bonvin.

Bereits im Herbst 2011 warnten zahlreiche Hilfsorganisationen, dass der Region eine Hungersnot drohe, wenn nicht genügend Hilfe eintreffe. Das Rote Kreuz bat damals um etwa vier Millionen Euro. Eine hat es bisher bekommen. Viele Bewohner der Sahelzone müssen jedes Jahr eine Zeitlang hungern, meist etwa zwei Monate, wenn die letzte Ernte verbraucht ist und die nächste noch nicht eingebracht. Heuer könnten es fünf Monate werden - zu lang für ohnehin geschwächte Menschen.

Gründe gibt es mehrere: Die vergangene Ernte im Dezember ist in manchen Teilen des Gebiets katastrophal schlecht ausgefallen, teilweise wurde gerade die Hälfte der Vorjahresmenge eingebracht; gleichzeitig sind die Lebensmittelpreise stark gestiegen, manche Getreidearten kosten derzeit doppelt so viel wie noch vor einem Jahr.

Flucht vor Revolution

Hunderttausende Menschen, die vor dem Sturz Muammar Gaddafis in Libyen gearbeitet und Geld nach Hause geschickt hatten, mussten wegen der Revolution fliehen - allein im Niger haben so 250.000 Menschen ihr Einkommen verloren. Und, so seltsam es klingt: Schuld ist auch die gute erste Ernte 2011.

"Wenn in dieser Gegend die Ernte gut ausfällt, dann kaufen die Menschen viel Vieh", sagt Bonvin. "Dann gibt es zu viele Tiere, die Weiden können sie nicht mehr ernähren und sie sterben. Die Tiere sind aber oft alles, was diese Menschen haben."

Bei Trockenheit versuchen die Nomaden, zu anderen Weidegründen zu ziehen. Dadurch verschärft sich auch dort die Situation, es kommt zu Konflikten um Land und Wasserlöcher. Während in normalen Jahren der Nomadenzug aus Mauretanien nach Mali und in den Senegal im Februar beginnt, sind nun viele bereits im Dezember aufgebrochen.

"Viele Menschen haben begonnen, die Anzahl ihrer Mahlzeiten zu reduzieren, andere versuchen, sich in der Wildnis zu ernähren", erzählt Bonvin.

Am Mittwoch trafen sich auch die Vertreter der Welternährungsorganisation FAO in Rom, um über die Situation zu beraten. 550 Millionen Euro, schätzt die Uno, braucht es, um der Region zu helfen, bisher wurde etwa ein Viertel bereitgestellt. Wenn jetzt geholfen wird, sind sich die Organisationen einig, dann kann die Katastrophe verhindert werden. So ist es etwa wichtig, dass nicht zu große Viehbestände sterben.

"Wenn das Vieh tot ist, dann ist der Hunger in dem Gebiet für das kommende Jahrzehnt gesichert", sagt Martina Schloffer, Leiterin der internationalen Katastrophenhilfe beim österreichischen Roten Kreuz. Die Organisation überlegt derzeit, ebenfalls Mitarbeiter in die Region zu schicken.

Lebensmittellieferungen und sogenannte "Food for Work"-Programme sollen nun das Schlimmste verhindern. Zusätzlich soll die Landwirtschaft verbessert werden, etwa mit neuen Maschinen und Tröpfchenbewässerung. Etwas, was bereits seit Jahren versucht wird - ist die Taktik gescheitert? "Das kann man für ganz Afrika hinterfragen", sagt Schloffer. Am Horn von Afrika, wo im vergangenen Jahr zehntausende Menschen verhungerten, bleibt die Lage angespannt. Zwar ist die letzte Ernte gut ausgefallen, dennoch sind nach wie vor etwa zehn Millionen Menschen in Kenia, Äthiopien und Somalia auf Hilfe angewiesen. (Tobias Müller, DER STANDARD, Printausgabe, 16.2.2012)

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