Erfolg mit Etikettenschwindel

Kommentar
13. Februar 2012, 18:28

Die Pensionsreform birgt Härten und Versäumnisse, aber auch eine Revolution

Feigen Klientelismus kann man der Koalition in dieser Frage nicht vorwerfen. Pensionisten sind als verwöhnte Liebkinder der heimischen Politik verschrien, doch nun müssen sie einen schweren Brocken des Sparpakets schultern. Satte sieben Milliarden Euro sollen aktuelle und künftige Ruheständlern stemmen.

Ist das nun die große Pensionsreform, die das notorisch niedrige Antrittsalter endlich hinaufschnalzt? Für die lukrativste Maßnahme wäre dieses Prädikat ein Etikettenschwindel. Den größte Batzen Geld bringt der Staatskasse eine simple Leistungskürzung. Anders als bisher im Gesetz festgeschrieben, bekommen Pensionisten die nächsten zwei Jahre keinen vollen Teuerungsausgleich und verlieren somit Kaufkraft. Das Pensionsalter steigt dadurch um keine Minute.

Die ärmsten Senioren sollen dank sozialer Staffelung zwar zu ihrer Inflationsabgeltung kommen, doch schon die durchschnittliche Alterspension beträgt nur magere 1110 Euro. Es gäbe viele besser situierte Gruppen, die eine derartige Belastung leichter verkraften könnten. Einbußen von zehn, zwanzig Euro im Monat mögen auf den ersten Blick läppisch erscheinen, aber gemessen am Einkommen kostet der Einschnitt einen Ruheständler mehr als die wild umkämpfte Solidarabgabe einen Spitzenverdiener mit 250.000 Euro im Jahr - und entgegen der landläufigen Meinung zahlen die Alten nicht zum ersten Mal drauf. Schon das 2011 fixierte Aus für den Inflationsausgleich im ersten Rentenjahr beschert Durchschnittspensionisten à la longue ein Minus von tausenden Euro. Auch die nun besiegelten Einbußen schleppen sie ein Leben lang mit.

Andere Maßnahmen können dem Einzelnen zwar ebenso wehtun, beinhalten aber - die gestiegene Höchstbemessungsgrundlage ausgenommen - sinnvolle Lenkungseffekte. Die verschärften Bedingungen für den Zugang zur regulären Frühpension sind gerechtfertigt, um einen Anreiz zu längerem Arbeiten zu geben. Das Gleiche gilt für diverse Einschränkungen bei den Invaliditätspensionen und erst recht für den Ausbau von Rehabilitation und Gesundheitsförderung. Auch dass marode Werktätige unter 50 statt der Invalidenpension künftig ein Krankengeld vom Arbeitsmarktservice bekommen, ist mehr als ein Taschenspielertrick, der nur die Pensionsstatistik schönt. Immerhin bleibt so die Chance, die Betroffenen wieder im Beruf unterzubringen. Bis dahin kann man sie schwerlich ohne Geld auf die Straße setzen.

Allerdings wird der Kampf gegen die Frühpensionen nur erfolgreich sein, wenn es genügend Jobs gibt - und da verabsäumt die Regierung Entscheidendes, indem sie die Arbeitgeber weitgehend verschont. Zwar gibt es künftig eine Kündigungspönale von 110 Euro, doch die bringt bestenfalls ein Körberlgeld von Betrieben mit Auftragsschwankungen, die Bedienstete auf Kosten der Allgemeinheit beim AMS parken. Kein Unternehmer wird sich von dieser lächerlichen Strafe abhalten lassen, ältere Arbeitnehmer hinauszudrängen.

Eine echte Revolution wäre hingegen das einheitliche Pensionskonto ab 2014. Gelingen die Vorhaben, können sich SPÖ und ÖVP trotz einiger Versäumnisse und reiner Geldbeschaffungsaktionen einer beachtlichen - und imagefördernden - Reform rühmen. Den Erfolg sollten die Koalitionäre nicht zerreden, indem sie streiten, ob das Pensionsalter nunmehr um 2,5 oder um vier Jahre steigen wird. Denn das grenzt an Kaffeesudleserei. (DER STANDARD-Printausgabe, 14.2.2012)

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...die einzig sinnvolle maßnahme...

...die mir dazu einfällt:
stufenweise reduktion der wochenarbeitszeit auf 35 stunden bei vollem lohnausgleich!

Die vorteile:

1. senkung der arbeitslosenquote durch mehr freie stellen

2. senkung der neuen zivilisationskrankheiten wie etwa das steigende "burn-out-syndrom"

3. belebung der wirtschaft und des handels durch mehr zeit für konsum der arbeiter und angestellten

Ich hoffe die angesprochenen interessensvertreter sind stark genug, diese forderung mittelfristig durchzusetzen!

Have a nice day!

@ archimed

Die Arbeitslosenrate in Oesterreich ist eine der niedrigsten innerhalb der EU. QUALIFIZIERTE Arbeitskraefte haben auch - oder besonders - im fortgeschrittenen Alter noch gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. "Frischlingen" steht die Wirtschaft skeptisch gegenueber. Jeder Berufsanfaenger sollte bereits langjaehrige Erfahrung haben. Die "Alten", die sie haben, muessten bloss laenger von den Unternehmen gehalten werden.

Weiters sollte die unqualifizierte Zuwanderung (unter welchem Titel auch immer) UNVERZUEGLICH gestoppt werden. Denn in dieser Bevoelkerungsgruppe sind die hoechsten Arbeitslosenzahlen zu beklagen.

weiß jetzt nicht genau warum, aber in fra. hat es nicht funktioniert.

Ihr Wort in des Wählers Ohr Herr John!

Wir werden es alle noch bereuen daß, wie geplant, das AMS mit der PVA fusioniert wird!

Damit wird der jederzeitigen Verfügbarkeit von Arbeitskraft Tür und Tor geöffnet. Wann immer die Gesellschaft etwas von den Alten und Kranken haben will, diese Monsterkrake wird dafür sorgen.
Besonders skandalös ist in diesem Zusammenhang daß die vorwiegend von Beamten genutzte Hacklerpension nicht abgeschafft wurde!
Dagegen müssen Pensionisten mit kleinen Pensionen empfindliche Einbußen ihrer Kaufkraft hinnehmen.
Hat man nicht überlegt wohin das führt?
Erstens zu kalten Wohnungen, denn die Energiepreise steigen jährlich - ganz unabhängig von der offiziösen Inflationsrate!
Und zweitens führt es dazu daß solcherart Ausgesackelte ihre Stimme bei der Wahl einer Protestbewegung geben werden!
Wahlhilfe für Strache.

Wenn ein Airbus auf Sturzflug programmiert ist,

hilft es nix, wenn Captain Marin durchsagt, dass eh das eingerostete Seitenruder repariert wurde. Die Passagiere fragen sich, ob das Zweckoptimismus oder Populismus ist. Weil die Ersatzteile aus vermeintlich unwichtigeren Trümmern des Rumpfes herausgeschnitten wurden, kriegt das Crashszenario mit dem blitzblanken Seitenruder nur eine andere Richtungsdynamik: es pfeift halt bei dem neuen Loch im Rumpf herein, an dem nun alle hektisch herumarbeiten, auch die 70 Jährigen. Die Abwärtsrichtung bleibt. Auch wenn sich das Personal noch so brav abstrampelt: es ist ein Programmierfehler. Der Crash ist durch biedere Arbeit nicht mehr aufzuhalten.

die einzige maßnahme die wirklich probleme lösen würde wäre eine relativ radikale arbeitszeitverkürzung. so in den bereich 30 stunden hinein. daraus würden weniger arbeitslose trotz steigender produktivität, weniger berufskrüppel, mehr lebenszufriedenheit für alle folgen und auch ein höheres pensionsantrittsalter wäre so realistischer. gleichzeitig würde die vereinbarkeit von beruf und familie erhöht, was sich definitiv positiv auf die kinderzahen auswirken würde. auch für berufsbegleitende weiterbildung wäre dann endlich zeit OHNE sich selbst auszubeuten.

weniger berufskrüppel

würde in erster linie dazu führen dass man die arbeit die man bisher in 40 stunden erledigt hat in 30 stunden erledigen MUSS. Oder man wird sanft gezwungen unbezahlte Überstunden zu machen. deswegen würde sich eine arbeitszeitverkürzung auf 30 stunden nur marginal auf die arbeitslosenzahlen auswirken. in etwa vergleichbar mit dem aufnahmestopp im öffentlichen dienst. dort müssen auch die verbleibenden jetzt mehr arbeiten bzw. die arbeit von denen miterledigen die in pension gehen und nicht mehr nachbesetzt werden.

Deswegen würde eine senkung auf 30 stunden die burn out rate aus oben genannten gründen höchstwahrscheinlich sogar erhöhen.

es ist ziemlich schwierig seine arbeitnehmer unter druck zu setzen wenn die arbeitslosenrate gegen null tendiert :-)

warum sollte die arbeitslosenrate gegen null gehen

wenn bei einer reduktion auf 30 stunden KEINE neuen arbeitnehmer aufgenommen werden?

ich glaub ihnen ja das sie in einer schei.. firma arbeiten.
unbezahlte überstunden: das haben sogar die billaangestellten geschafft das das eingestellt wurde und die glänzen weder durch besondere qualifikation noch durch übermäßiges engagement. da gilt einfach das arbeitsrecht.
und wenn sie sich die geschichte anschauen so hat jede arbeitszeitverkürzung zu mehr arbeitsplätzen geführt. und die wirtschaft ist auch nicht zusammengebrochen sondern es hat interessanterweise jedesmal einen aufschwung gegeben...

Und Sie glauben, dass die Betriebe weiterhin das gleiche Gehalt wie für 38,5 Stunden bezahlen werden?

je 7% von staat, firma und arbeitnehmer wären machbar.
der staat spart sich eine menge arbeitslosengeld und pensionen sowie gesundheitskosten, die firma leidet nicht weil leute mit weniger stunden produktiver pro stunde sind. und der arbeitnehmer hätte die bereits erwähnten vorteile. mehr zeit, weniger gesundheitsschäden, familienfreundlichkeit. und ein wesentlicher teil seiner einbußen wären eh nur steuer und sozvers aufgrund des progressiven steuersystems. und niedrigere sozverssätze sollten sich auch ausgehen sobald sich das ganze einspielt.

DILETTANTISMUS pur und unverdünnt...

...könnte man das sog. sparpaket nennen!

Feige und halbherzig, wie eben diese bundesregierung schon seit jahren regiert.

Der mittelstand blecht die versoffene zeche, die sozial schwachen werden ohnehin immer ärmer, die reichen nähern sich am anderen ende der skala der superwohlstand!

Und keine partei getraut sich dort hin zu greifen, wo es zielführend wäre: den schwachen unter die arme, den reichen in den geldsack!

Wenn unsere politdilettanten den unteren mittelstand weiterhin schröpfen, passiert bloß mittelfristig, dass dieser auch diese menschen immer weiter absinken!

Und dann war`s das!
Wellcome 2 the club of Athens!

Have a nice day!

Das uralte periodisch wiederkehrende Kernproblem ist,

dass das Kollektiv durch immer mehr Arbeit nur ärmer wird. Jetzt können wir zwar bis 75 arbeiten, dann haben wir halt kein Loch in der Pensionskasse, aber wir arbeiten uns gleichzeitig entweder als Staatsdiener oder als Tunnelröhrenbohrer immer tiefer in die kollektive Verschuldung hinein. Arbeit ist kein Wohlstandsgenerator für das Kollektiv mehr. Die propagierten Lohnverluste vergrößern die Schere zwischen den wachsenden Kollektivkosten (Schulden, von denen ein kleiner binnemarktamorpher Personenkreis profitiert) und dem individuellen Nutzen aus Arbeit noch mehr. Wir erarbeiten uns Armut. Dafür gehen wir nicht in Pension vor 75 und die Pensionskassen schreiben keine roten Zahlen mehr dank der Weitsicht von PolitikerInnen und ExpertInnen.

Wir sollten endlich aufhören, von "den" Pensionst(inn)en zu reden. Die großen Unterschiede innerhalb dieser Gruppe sind doch das Ungerechte. Die einen haben kaum genug zum Leben, die anderen genießen bei hohen Bezügen ihren Ruhestand, den sie auch bei etwas höheren Beiträgen wohl nicht "angespart" haben.

omis

meine "stiefoma" ist mit 55 als sehr fitte hebame in die frühpensi - die kassiert seit 22 jahren inkl. witwenrente 3.000 netto (mann war arzt, starb früh) - hat ein kind großgezogen.

meine andere omi hat bis 65 gehackelt und fünf kinder großgezogen und kriegt 1.450 inkl. witwenrente

find ich extrem unfair

Dann hören wir aber bitte auch auf von "den" Beamten zu sprechen!

Da gibts den Sektionschef mit 100.000 € Jahresgehalt und den Streifenpolizisten der mit einem guten Tausender netto im Monat heimgeht.

Ja, damit sollten wir auch aufhören. Auch dort werden die Niedrigverdiener zu Unrecht gescholten und die Spitzenverdiener lachen sich ins Fäustchen, weil sie alle Einschränkungen abwehren können, indem sie dann die Niedrigverdiener als Gegenargument vorführen.

auch bei den bauern sieht's nicht ...

... viel anders aus!

aber durch das geschickte spiel von medien und politik werden immer vertikale grenzen zwischen die einzelnen berufsgruppen gezogen und gegeneinander ausgespielt, anstatt die wirklichen horizontalen unterschiede quer durch alle berufsgruppen zu betonen.

divide et impera. wussten schon ... usw.

Alles was hier geschrieben steht stimmt,

aber mir persönlich fehlen hier - und nicht nur hier - Intitativen, vermehrt arbeitslose Menschen wieder in Brot und Arbeit zu bringen.

Österreich hat derzeit ca. 300.000 Arbeitslose und WO bleiben hier die Versuche der wirklich Wohlmeinenden zur nachhaltigen Reduzierung dieses hohen Standes?

Es wäre der Sache dienlicher, sich hier vermehrt einzubringen und sich nicht immer mit den Pensionisten so zu beschäftigen.

das geht aber morgen bitte nicht in druck, nicht weil ich inhalte unterdrückt habe wollte, aber es ist über der grenze der lächerlichkeit, weit darüber.

kurz und gut: das alles ist faktisch eine umverteilung von unten nach oben, nicht zwischen den generationen, wie uns so oft eingeredet wird. good bye, sozialdemokratie!

aus eigener erfahrung (meinen vater betreffend) glaub ich nicht, dass das ams die bessere anlaufstelle fur angehende i-pensionisten ist...

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