Knappe Badehose versus Schlabbershorts

Am Bondi-Strand in Sidney feiert die Prüderie fröhliche Urständ

Sydney - Vor 50 Jahren war es absolut verpönt, auf dem Bondi-Strand in Sydney zu viel nackte Haut zu zeigen. Australiens Anstandswächter warfen die Träger enthüllender Bademode vom Strand. Dies galt für Männer, die in ihren Badehosen zu viel Bein zeigten, genauso wie für Frauen im Bikini. Die Sitten wurden im Laufe der Zeit etwas lockerer, doch im Jahr 2012 feiert die Prüderie fröhliche Urständ am Strand.

"Sittichschmuggler" sind out

Träger der im Volksmund liebevoll "budgie smugglers" (etwa: "Sittichschmuggler") genannten knappen Badehosen sind gegenüber Männern in Schwimmshorts klar in der Minderheit. Nur etwa einer von zehn Australiern wagt sich in knackig-engen Badehosen an die Sonne. Der Rest bedeckt züchtig die Oberschenkel und oft auch die Knie. Es dominieren die langen, weiteren Boardshorts, die ursprünglich von Surfern getragen wurden.

Neue Prüderei auch in der Damenwelt

Bikinis waren am Bondi-Beach erst von 1961 an offiziell erlaubt. Bis dahin war der berüchtigte Strandinspektor Aubrey Laidlaw mit seinem Maßband unterwegs und stellte sicher, dass alle Badegäste ihre Blöße bedeckt hielten. Die neue Prüderie habe ihren Weg möglicherweise aus den USA nach Australien gefunden, mutmaßt Paul Ellercamp, Besitzer der Schwimmwebseite oceanswims.com. "Manche Frauen finden es obszön, Typen in "budgies" rumlaufen zu sehen", sagt er. Die Träger der Bade-Slips werden als Exhibitionisten, als unanständig oder als schrullige alte Säcke verunglimpft.

Auch in die Politik hat die Debatte Einzug gehalten. Die extra knappe rote Schwimmhose von Oppositionsführer Tony Abbott, einem engagierten Rettungsschwimmer, wurde wiederholt das Ziel des Spotts von Außenminister Kevin Rudd und der Presse. Nach einer eher glücklosen Debatte hieß es etwa, sein Gegner habe "Abbott die vorne reingestopften Socken aus den "Speedos" gezogen".

Lässig statt eng

Modemacher sind auf den Trend zu den Surfershorts aufgesprungen. Die Kollektionen mancher Bademodemarken kommen mittlerweile ganz ohne herkömmliche Badehosen aus, die im Volksmund auch "Speedos" genannt werden. Die Kunden hätten das Schwimmshort-Konzept angenommen, heißt es etwa bei Orlebar Brown, einem Londoner Top-Label für Bademode. Die Nachricht an die Männerwelt ist klar: Raus aus den engen Teilen und rein in die lässigen Shorts. Sonst riskiert der stilbewusste Strandgott von Welt einen Mode-Fauxpas sondergleichen.

Nationales Selbstverständis Strandkultur

Für Australier gehört ihre Strandkultur und das Gleichheitsprinzip zum nationalen Selbstverständnis. Draußen im Freien sind alle gleich. "Es ist Teil der Kultur, nicht zu viel darüber nachzudenken, wie man aussieht", meint Bondi-Beach-Fan Susanne Hunt. Die neue Übermacht der Surfershorts ist für manche ein Angriff auf eben diese Strandkultur. Es formiert sich Widerstand gegen das Schlabberhosen-Diktat. Nein, die Slips seien keine aussterbende Spezies, sagt Bondi-Stammgast Vania Dauner. "Wer will denn nicht einen fitten, jungen Kerl in echter Badehose ansehen? Richtige Schwimmer tragen keine Boardshorts."

Im Strandklub "Bondi Icebergs" wird die australische Strandkultur auf höchstem Niveau zelebriert. Zu Neujahr kam dort von der australischen Wasserpolo-Mannschaft ein offenherziger Appell für die Beinfreiheit. Bei einem Freundschaftsspiel gegen die US-Mannschaft gaben sich die Australier in ihren "Sittichschmugglern" keine Blöße.

"Es ist an der Zeit, dass wir stolz sind, sie zu tragen, damit andere Jungs keine Angst davor haben", sagte Organisator Tom Whalan der Tageszeitung "Sydney Morning Herald". "Wenn man heutzutage an den Strand geht, scheinen jede Menge Leute ein Problem (mit knappen Badehosen) zu haben", sagt Whalan. "Das Tragen von "budgie smugglers" scheint zu einer Untergrundbewegung verkommen zu sein. Vor ein paar Jahren liefen noch alle so rum." (APA)

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