Václav Havel und eine Sternstunde des ORF

Kommentar der anderen
  • "Im Zentrum", 18. 12.: "... und man erinnerte sich daran, wie es war, als im ORF noch Menschen auftraten, die etwas zu sagen hatten." Die Sendung gibt es hier auf tvthek.orf.at zum Nachsehen.
    foto: tvthek.orf.at

    "Im Zentrum", 18. 12.: "... und man erinnerte sich daran, wie es war, als im ORF noch Menschen auftraten, die etwas zu sagen hatten." Die Sendung gibt es hier auf tvthek.orf.at zum Nachsehen.

Politik anders. Fernsehen anders. - Eine Würdigung von Gerhard Zeilinger

Es bedurfte leider eines traurigen Anlasses, um im ORF endlich wieder einmal fundierte Meinung zu hören. Lag es daran, dass niemandem in der SPÖ-Zentrale das Thema so wichtig erschien, dass diesmal der berühmte Telefonanruf unterblieb und keine der üblichen Sprechautomaten in die Sendung reklamiert wurden? Vielleicht auch, weil man mangels europapolitischer Perspektiven gar nichts zu Václav Havel und seinem kämpferischen Engagement für die Demokratie zu sagen gewusst hätte?

Stattdessen saß ein kleiner Kreis prononcierter Vertreter der "älteren Generation" einem jugendlichen Publikum im Studio gegenüber. Wahrscheinlich hatte keiner von den jungen Menschen gewusst, wer Václav Havel war. Umso erstaunlicher, wie interessiert sie zugehört haben. Zum einen mag sie die Person Havel, so wie sie ihnen hier vorgestellt wurde, entsprechend beeindruckt haben, zum anderen waren es die Diskussionsteilnehmer: Barbara Coudenhove-Kalergi, Erhard Busek, Pavel Kohout, die ehemalige tschechoslowakische Botschafterin Magda Vásáryová, Ioan Holender. Menschen mit Diskussionsmanieren, die einander zuhören und nicht ins Wort fallen, Menschen mit Grundsätzen, Charisma, Leidenschaft, und natürlich Bildung. Qualitäten, die offenbar im Anforderungsprofil der heimischen Innenpolitik heute nicht mehr gefragt sind, so wenig wie eine öffentliche Meinung, die nicht von Boulevard und PR-Inszenierungen bestimmt wird.

Substanz also statt der üblichen Sprechblasen. Das muss für junge Menschen, die nur das eine kennen, geradezu verblüffend gewesen sein.

Welle des Erstaunens

Schön, wie da vom Widerstand des Geistes, der Kraft der Demokratie, dem Willen zu gestalten die Rede war. Und speziell, wie auf die so große Ähnlichkeit von Österreichern und Tschechen hingewiesen wurde. Mit dem kleinen Unterschied freilich, dass es hierzulande nie diesen Geist der Dissidenten gegeben hat.

Aber es hat einmal Politik mit Niveau gegeben, Qualitätsjournalismus und Anstand, und das lag daran, dass es in unserer Politlandschaft Menschen mit Format gegeben hat - nicht diese einander ergänzenden Faymann-, Strache-, Fekter-Formate, sondern echtes Format. Ich glaube, diese Erkenntnis ging plötzlich durch die jugendlichen Köpfe, eine kleine Welle des Erstaunens, der Begeisterung sogar. Es kommt nicht oft vor, dass Jugendliche interessiert einem Politiker zuhören, in diesem Fall einem ehemaligen Vizekanzler, der es offenbar auch nicht mehr gewohnt war, dass ihm mehrmals spontan applaudiert wurde - weil er ganz einfache, eben grundrichtige Dinge zu Václav Havel, zum Wert der Demokratie und der Bedeutung des gemeinsamen Europas, zum Verhältnis zwischen Österreichern und Tschechen im Besonderen sagte. Das alles hat die Jugendlichen sichtlich sehr interessiert.

Menschen statt Politpuppen

Natürlich drängt sich da die Frage auf, warum haben wir die Politiker, die wir haben? Oder wie wäre das, hätte die wunderbare Barbara Coudenhove-Kalergi sich damals doch als Präsidentschaftskandidatin aufstellen lassen und wäre in die Hofburg eingezogen? Vielleicht gäbe es dann heute ein ganz anderes Bewusstsein, vielleicht wären wir sogar "europäisch" und hätten zu unseren Nachbarn, vielmehr Verwandten, wirkliche Beziehungen. Zum Beispiel die Beziehungen zu Tschechien - haben wir überhaupt noch welche? Zur Slowakei, zu Ungarn, zu Slowenien? Wirkliche Beziehungen und nicht bloß Wirtschaftskontakte?

Österreichische Europapolitik müsste doch für den Bundeskanzler zunächst einmal darin bestehen, sich mit seinen tschechischen, slowakischen, ungarischen, slowenischen Amtskollegen auszutauschen und sich nicht bei Gipfeltreffen schnell fürs Foto neben die Frau Merkel zu stellen, um zu Hause vollmundig verkünden zu lassen, man habe an der Rettung des Euro mitgewirkt. Das ist peinliche PR und nicht Außenpolitik.

Vielleicht haben gerade das die Jugendlichen an diesem Abend begriffen, und dass es darauf ankommt, authentische politische Menschen von Politpuppen zu unterscheiden. Und vielleicht besteht ja dann die Hoffnung, dass die Parteien wieder anfangen, andere Mandatare zu rekrutieren, eben Menschen mit Format, wenn das überhaupt noch möglich sein wird. - Immerhin war an diesem Sonntag eines möglich: Für eine Stunde blitzte auch das einstige Format ORF auf, und man erinnerte sich daran, wie es war, als in Diskussionssendungen noch Menschen auftraten, die wirklich etwas zu sagen haben. (Gerhard Zeillinger, DER STANDARD; Printausgabe, 23.12.2011)

GERHARD ZEILLINGER (47), Germanist und Historiker, lebt als freier Publizist in Amstetten.

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