Äpfel, Birnen und Orangen

Gastkommentar

Wenn schon das australische Modell der Studiengebühren auf den Tisch gelegt wird, dann bitte mit voller Rechnungslegung - Von Heinz L. Kretzenbacher

Nachdem sich vor kaum 10 Jahren die deutschen HochschulrektorInnen und BildungspolitikerInnen an australischen Universitäten die Klinke in die Hand gegeben haben, um sich das Erfolgsmodell der dortigen Studienplatzfinanzierung anzusehen, beginnen sich jetzt auch schon die österreichischen Entscheidungsträger im Bildungsbereich (und die beschämend wenigen großen Töchter unter all den kleinen Töchterles) für den tertiären Bereich der Gegenfüßler zu interessieren.

Das australische System

Tatsächlich funktioniert das australische HELP-System erstaunlich gut. Studierende mit australischer Staatsbürgerschaft (man stelle sich vor: österreichischer) zahlen die vergleichsweise moderaten, nach Studienrichtung gestaffelten Semestergebühren nicht sofort, sondern bekommen sie als zinslosen Kredit (mit Inflationsausgleich), bis sie über eine kleine Erhöhung der Einkommensteuer abgestottert werden, sobald die Kreditnehmer ein Einkommen erreichen, das etwa zwei Drittel des Durchschnittseinkommens ausmacht. Studierende mit neuseeländischer (man stelle sich vor: EU-) Staatsbürgerschaft sowie Ausländer mit permanenter Aufenthaltsberechtigung studieren zum selben Preis, müssen allerding die Gebühren für jedes Semester im Voraus entrichten. Andere ausländische (man stelle sich vor: nicht EU-) Studierende zahlen volle (und ziemlich üppige) Studiengebühren. Und diese Studiengebühren tragen kräftig dazu bei, dass Bildung zur zweitgrößten und -profitablelsten Exportindustrie Australiens geworden ist, gleich nach dem derzeit boomenden Export von Bodenschätzen.

Leistungsgedanke auf beiden Seiten

Unis froh, Finanzminister froh, Studierende zufrieden genug, um klaglos zu zahlen. Paradiesische Zustände. Warum also nicht das australische System der Studienfinanzierung einfach übernehmen? Oder anders gefragt, wie es Graf Bobby gemacht hat: "Man liest immer, dass berühmte Künstler gestorben sind. Ich frag' mich, warum man nie liest, wenn welche geboren werden". So wie man (jedenfalls zu Graf Bobbys Zeiten, vor der Epoche der Kardashians und anderer wos-woar-mei-Leistungsträger) erst etwas geleistet haben musste, um berühmt genug für einen öffentlichen Nachruf zu werden, so müssen die australischen Universitäten ihren studierenden Kunden gegenüber eine Leistung erbringen, die ihnen - je nach Studiengang - für internationale Studierende bis hin zum Gegenwert eines kleinen Einfamilienhauses wert ist. Und das tun sie.

Die besseren australischen Universitäten stehen nicht nur in allen internationalen Rankings und allen Disziplinen akademisch auf den vorderen Rängen, sondern Universitäten investieren auch massiv in die administrative Betreuung ihrer Studierenden. Es wird zum Beispiel versucht, potentielle StudienabbrecherInnen frühzeitig zu erkennen und aufzufangen. Studierende finden hervorragend geschulte Ansprechpartner für bürokratische, interkulturelle, medizinische und psychische Probleme, und Lehrende sind normalerweise am intellektuellen Fortschritt ihrer Studierenden lebhaft interessiert - schließlich ist niemand pragmatisiert, und auch ProfessorInnen kann gekündigt werden, wenn ihre jährliche Evaluation in Forschung und Lehre schlecht ausfällt. Viel Spaß bei der Einführung all dieser Neuerungen an österreichischen Universitäten.

In Österreich ist dieses System nicht so einfach übertragbar...

Vielleicht sollte man die Möchtegernkapitalisten, die australische Studiengebühren für österreichische Universitäts-Dienstleistungen verlangen wollen, in ein Betriebswirtschafts-Proseminar einladen, wo sie erklären dürfen, wieso sie junge Menschen, die sie für klug genug halten, ein Universitätsstudium zu absolvieren, gleichzeitig für blöd genug halten, sich für Studiengänge an österreichischen Universitäten zu verschulden, die - im internationalen Maßstab gesehen - oft selbst geschenkt noch zu teuer sind. Im Gegenzug werden ihnen die Erstemester gern erklären, was der Unterschied zwischen Äpfeln und Birnen ist, oder, wenn sie in der internationalen Wissenschaftssprache Englisch bewandert sein sollten, zwischen apples and oranges. (Heinz L. Kretzenbacher, derStandard.at, 19.12.2011)

Autor

Dr. Heinz L. Kretzenbacher ist Leiter der germanistischen Abteilung an der University of Melbourne.

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