Humanitäre Hilfe und der Preis der Transparenz

Kommentar der anderen | Irene Jancsy
9. Dezember 2011, 18:51
  • "Schwierige Gratwanderung": Irene Jancsy.
    foto: der standard/robert newald

    "Schwierige Gratwanderung": Irene Jancsy.

Der Titel eines Berichts über ein Buch von Ärzte ohne Grenzen hat in Spenderkreisen einige Verwirrung gestiftet - Eine Klarstellung

Die vereinfachende Darstellung ist ein legitimes Mittel der Kommunikation. Für die Beschreibung der Tätigkeiten von Ärzte ohne Grenzen / Médecins Sans Frontières (MSF) ist ein beliebtes Bild jenes des Arztes oder der Krankenschwester, die sich aufmachen in unwirtliche Weltgegenden, um dort inmitten von Not und Gewalt Leben zu retten. Ein Bild mit Wohlfühlfaktor also, das uns weltweit Sympathie und Unterstützung bringt.

Alles stimmt an dieser Darstellung: Ärzte ohne Grenzen behandelt pro Jahr mehr als acht Millionen Menschen und erreicht weitere Millionen durch Impfprogramme. Aber es gibt eine andere, komplexere Ebene der humanitären Aktion: jene der ethischen Dilemmata, die sich angesichts des explosiven Gemisches von politischer Instabilität, Armut und Gewalt in vielen Einsatzgebieten ergeben. Ärzte ohne Grenzen hat sich - anlässlich des 40. Gründungsjubiläums am 21. 12. - zum Tabubruch entschlossen. Das in Frankreich erschienene Buch Agir à tout prix? (Handeln um jeden Preis?)* beschreibt, wie wir in Konfliktgebieten den Zugang zur Zivilbevölkerung verhandeln und welche Kompromisse und Kontroversen sich daraus ergeben.

Humanitäre Hilfe ist eine Reaktion auf Krisen und Kriege, kein Allheilmittel gegen Unrechtsregime und Gewalt. In der Praxis sind die größten Hürden auf dem Weg zu den Menschen in Not oft die Verhandlungen mit den politischen und militärischen Akteuren der Region. Dabei können wir uns weder unsere Gesprächspartner noch die Bedingungen aussuchen, die uns gestellt werden. Steuern an örtliche Machthaber zu zahlen, um bleiben und Menschenleben retten zu können, ist ein Kompromiss, den wir in vielen Situationen für vertretbar halten. Auch und gerade in Somalia, wo die Bevölkerung kaum Hilfe von außen erreicht. Andere Zahlungen haben wir abgelehnt.

Keine dieser Entscheidungen haben wir uns leicht gemacht. Die Alternative zum Kompromiss heißt abziehen und unsere Patienten zurücklassen. Auch diesen Schritt haben wir schon getan.

Differenzierte Sicht nötig

Eine vereinfachende Darstellung kann hier nur misslingen. Hilfe für hungernde Kinder und Terroristen titelte der Standard vergangene Woche süffisant und suggerierte so einen Kausalzusammenhang zwischen den Bomben der somalischen Al-Shabaab-Miliz und Ärzte ohne Grenzen. Dieses Bild ist unangebracht und falsch. Humanitäre Hilfe gründet auf der Überzeugung, dass Menschen in Not ein Recht auf Hilfe haben. Nur wer diese nicht teilt, kann für Krisengebiete wie Somalia einfache Antworten zur Hand haben. Wir wünschen uns, dass unsere Transparenz eine differenzierte öffentliche Auseinandersetzung nach sich zieht. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.12.2011)

Autor

Irene Jancsy, Director of Communications bei Ärzte ohne Grenzen Österreich.

Der Kommentar ist eine Reaktion auf den Artikel "Somalia: Hilfe für hungernde Kinder und Terroristen"

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11 Postings
Für MSF gilt offenbar, wie auch für andere NGOs,

dass der Zweck die Mittel heiligt. Das aber kann nicht sein und deshalb ist es unmoralisch, ja sogar obszön, MFS eine Spende zu überweisen. Die Selbstdarstellzng und der Egoismus verstellen diesen Phantasten jegliche Sicht auf die reale Welt. Mit Terroristen macht man keine Geschäfte. sic!

Soweit ich mich erinnere, war zwar der Titel des besagten Artikels "süffisant" und ich teile die Kritik hier, der Artikel selbst war jedoch durchaus interessant und ausgewogen. Ich zumindest bin von MSFs Transparenz beeindruckt - nicht viele NGOs würden derart selbstkritisches und ethisch komplexes Material veröffentlichen. Und ohne den Standard Artikel wüsste ich wahrscheinlich gar nichts davon.
Internationale Hilfe ist immer ein Kompromiss, und oft denke ich, es wäre besser für alle, die gesamte "Entwicklungshilfe" einzustellen. Dann überwiegt aber doch die Menschlichkeit: ist jemand in Not, ist es nur normal und richtig, zu helfen. Gut, dass es mit MSF eine Organisation gibt, die das mit kritischem Verstand tut.

Auch wenn es viele vielleicht nicht hören wollen, liegt darin der Grund warum ich konkret nicht spende, wenn das Geld in Krisenregionen gehen soll.
Ich hätte dabei immer das ungute Gefühl, das Unrecht, ja das Morden, noch zu finanzieren bzw. zu ermöglichen.
Die Realität zeigt leider zu oft, dass das Gegenteil von gut, "gut gemeint" ist.

Differenzieren!

1) Es geht hier nicht nur um MSF. Die UNO geht viel mehr und viel schmutzigere Kompromisse mit Massenmoedern ein, um zu "helfen". Die WFP Korruptions-Eskapaden in Somalia sind nur die Spitze des Eisberges.
2) Die Kernfrage ist, ob ein Kompromiss mehr Schaden als Nutzen anrichten kann. Wenn Extremisten verlangen, eine NGO darf keine Frauen beschaeftigen, ist das vertretbar, man kann Maenner schicken. Wenn sie aber Blankoschecks fordern, die unweigerlich in Waffen und Kriegsmaterial konvertiert werden um die Krise zu verlaengern, dann rettet die Hilfe zwar immer noch Leben, bringt aber wesentlich mehr Leben in Gefahr! Abgesehen davon dass in vielen Laendern Zahlungen an terroristische Organisationen unter Strafe stehen.

MSF verdienen mehr Unterstützung!

Nachdem im Standard schon eine süffisant-abträgliche Berichterstattung erschien, so ist es nun erfreulich, als Wiedergutmachung diesen Beitrag veröffentlicht zu sehen.

Die MitarbeiterInnen der MSF verdienen allergrößte Hochachtung für ihren Mut und den Einsatz ihres Lebens. Sympathisch ist auch die transparente Darstellung der ethischen Dilemmata den Spendern gegenüber, die mich nur in der Absicht bestärkt, die MSF weiterhin zu unterstützen.

Um sicher zu gehen dass meine Spenden nicht Terroristen zu gute kommen spende ich nur mehr für den österreichischen Tierschutz.....
Oh, ....Ups,
Jetzt hätte ich fast vergessen dass in Österreich ja Tierschützer als die gefährlichsten Terroristen gelten.
Also doch wieder lieber für MSF........

Auch die Entwicklungshilfe zeigt die elementaren Strukturen unserer westlichen Gesellschaft

Da gibt es die Herrschenden und die Untertanen. Wäre nicht überrascht wenn es bei MSF genauso läuft.
Ein paar Ärzte, Krankenschwestern haben genug von unserer Lebensweise......sehr verständlich. Nur-man sollte das Übel an der Wurzel bekämpfen.

Was "Herrschende und Untertanen" explizit mit der westlichen Gesellschaft zu tun haben sollten, erschließt sich mir nicht. Gibt es "Herrschende und Untertannen" im Osten, Süden und Norden etwa nicht, ja sogar in viel deutlicherer Ausprägung?
Im Verbund jedes höheren Lebewesens gibt es Hirarchien. Andere Ordnungen sind menschliche Utopie und laufen, soweit praktisch versucht, immer auf bereits bekannte Modelle hinaus.

Offensichtlich war es zu naiv zu denken, dass selbst ein "Qualitätsmedium", wie sich der Standard sehen möchte, zu einer differenzierten Analyse der Transparenz, die MSF an den Tag legte fähig ist.

Im besagen Artikel werden sehr unterschiedliche Organisationen in einen Topf geworfen. WFP und staatliche humanitäre Gruppen, die mit der ISAF kooperieren, in einem Atemzug mit MSF, das peinlichst auf ihre Unabhängigkeit achtet, zu nennen, zeugt von völliger Unkenntnis der Situation. Vielmehr sollte man MSF für diese Offenheit (auch den Spendern gegenüber) dankbar sein. Andere Akteure tun es genauso und schweigen aus Rücksicht auf die Spender. Denn die Realität ist diesen oft nicht zumutbar. Eine 80 jährige Pensionistin kann sich die Lage in einem afrikanischen Chaosstaat nicht vorstellen.

Doch, die 80jährige kann. Die Realität ist den Menschen zuzumuten. Und deren Schlüsse daraus, sind in einer aufgeklärten, freiheitlichen Welt zu akzeptieren.

Gerade die 80jährige sollt es können

weil die hat noch Diktatur und Krieg bei uns erlebt

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