Humanitäre Hilfe und der Preis der Transparenz

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  • "Schwierige Gratwanderung": Irene Jancsy.
    foto: der standard/robert newald

    "Schwierige Gratwanderung": Irene Jancsy.

Der Titel eines Berichts über ein Buch von Ärzte ohne Grenzen hat in Spenderkreisen einige Verwirrung gestiftet - Eine Klarstellung

Die vereinfachende Darstellung ist ein legitimes Mittel der Kommunikation. Für die Beschreibung der Tätigkeiten von Ärzte ohne Grenzen / Médecins Sans Frontières (MSF) ist ein beliebtes Bild jenes des Arztes oder der Krankenschwester, die sich aufmachen in unwirtliche Weltgegenden, um dort inmitten von Not und Gewalt Leben zu retten. Ein Bild mit Wohlfühlfaktor also, das uns weltweit Sympathie und Unterstützung bringt.

Alles stimmt an dieser Darstellung: Ärzte ohne Grenzen behandelt pro Jahr mehr als acht Millionen Menschen und erreicht weitere Millionen durch Impfprogramme. Aber es gibt eine andere, komplexere Ebene der humanitären Aktion: jene der ethischen Dilemmata, die sich angesichts des explosiven Gemisches von politischer Instabilität, Armut und Gewalt in vielen Einsatzgebieten ergeben. Ärzte ohne Grenzen hat sich - anlässlich des 40. Gründungsjubiläums am 21. 12. - zum Tabubruch entschlossen. Das in Frankreich erschienene Buch Agir à tout prix? (Handeln um jeden Preis?)* beschreibt, wie wir in Konfliktgebieten den Zugang zur Zivilbevölkerung verhandeln und welche Kompromisse und Kontroversen sich daraus ergeben.

Humanitäre Hilfe ist eine Reaktion auf Krisen und Kriege, kein Allheilmittel gegen Unrechtsregime und Gewalt. In der Praxis sind die größten Hürden auf dem Weg zu den Menschen in Not oft die Verhandlungen mit den politischen und militärischen Akteuren der Region. Dabei können wir uns weder unsere Gesprächspartner noch die Bedingungen aussuchen, die uns gestellt werden. Steuern an örtliche Machthaber zu zahlen, um bleiben und Menschenleben retten zu können, ist ein Kompromiss, den wir in vielen Situationen für vertretbar halten. Auch und gerade in Somalia, wo die Bevölkerung kaum Hilfe von außen erreicht. Andere Zahlungen haben wir abgelehnt.

Keine dieser Entscheidungen haben wir uns leicht gemacht. Die Alternative zum Kompromiss heißt abziehen und unsere Patienten zurücklassen. Auch diesen Schritt haben wir schon getan.

Differenzierte Sicht nötig

Eine vereinfachende Darstellung kann hier nur misslingen. Hilfe für hungernde Kinder und Terroristen titelte der Standard vergangene Woche süffisant und suggerierte so einen Kausalzusammenhang zwischen den Bomben der somalischen Al-Shabaab-Miliz und Ärzte ohne Grenzen. Dieses Bild ist unangebracht und falsch. Humanitäre Hilfe gründet auf der Überzeugung, dass Menschen in Not ein Recht auf Hilfe haben. Nur wer diese nicht teilt, kann für Krisengebiete wie Somalia einfache Antworten zur Hand haben. Wir wünschen uns, dass unsere Transparenz eine differenzierte öffentliche Auseinandersetzung nach sich zieht. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.12.2011)

Autor

Irene Jancsy, Director of Communications bei Ärzte ohne Grenzen Österreich.

Der Kommentar ist eine Reaktion auf den Artikel "Somalia: Hilfe für hungernde Kinder und Terroristen"

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