"Grüne Welle für Radfahrer in Wien in Plan"

Chat

Martin Blum, der Radverkehrsbeauftragte der Stadt Wien, über mehr Rücksicht, neuralgische Stellen und seine Erfahrungen als Fahrradbote

Martin Blum wird zwar erst ab 1. November offiziell als oberster Radler Wiens gelten, doch schon jetzt ist das Interesse an seiner künftigen Tätigkeit groß. Im derStandard.at-Chat spricht der 35-Jährige über die mögliche Abschaffung der Radwegbenutzungspflicht, seine Meinung zu mybikelane.com und Stellen, an denen Radfahrern viel Geduld abverlangt wird. Außerdem erklärt er, warum er Segways nicht mag, warum Knigge ein sehr vorbelasteter Begriff ist und wie er Rücksicht definiert: "Die Einhaltung von Gesetzen bedeutet nicht automatisch, dass man sich rücksichtsvoll verhält."

Moderator-Message: Wir begrüßen mit dieser ausführlichen Frage Martin Blum, der ab 1. November sein Amt als Radverkehrsbeautragter der Stadt Wien antritt.

ModeratorIn: Wir begrüßen Martin Blum, der ab 1. November sein Amt als Radverkehrsbeautragter der Stadt Wien antritt, gleich mit einer ausführlichen Frage.

UserInnenfrage per Mail: Woran scheitert die Reservierung einer Ringstrassenspur für Fahrräder -statt die Fläche den Fußgängern wegzunehmen deren Weg sich nochdazu immer wieder konflikt- und unfallbegünstigend kreuzen. Daneben fahren die Autos auf der doppelten (öffentliche

Martin Blum: Herzliches Willkommen an die User von derStandard.at. Ich freue mich hier zu sein. Zur Frage: Es scheitert an den Gewohnheiten der Platzaufteilung in der Stadt der letzten Jahrzehnte. Bei der EURO 2008 hat man gesehen, dass eine Sperre der Ringstraße ohne gröbere Verkehrsprobleme möglich ist. Es geht bereits in die richtige Richtung. Ich möchte dazu beitragen, dass wir schneller mehr Platz für Radfahrer und auch für Fußgänger in der Stadt haben.

UserInnenfrage per Mail: Die Radweg-Benutzungspflicht sehe ich als großes Risiko. Schnelle Radfahrer, die von A nach B wollen, sind auf der Straße viel sicherer unterwegs! So sind die Schnellsten vom Radweg weg - und mit ihnen auch ein erhebliches Gefahrenpotential auf den

Martin Blum: Wenn wir den Radverkehrsanteil deutlich heben wollen, dann benötigt es tatsächlich die zumindest teilweise Aufhebung der Radwegebenützungspflicht. Für Leute mit Kindern, Senioren ist es oftmals sehr wichtig einen Radweg zu haben, für schnelle und geübte Radler benötigt es die Fahrbahn. Mir ist wichtig, dass es dabei zu einem Miteinander im Straßenverkehr kommt.

UserInnenfrage per Mail: 1. wird es in zukunft eine grüne welle für radler geben? die ampeln sind ja bisher nur für flüssigen autoverkehr geregelt. 2. wann kommt die radlerfläche vor den ampeln? übrigens finde ich auch mehrzweckstreifen gut allerdings könnte man für weniger

Martin Blum: 1. Es gibt Planungen auf Hauptradrouten die grüne Welle für Radfahrer umzusetzen. In anderen europäischen Ländern hat sich gezeigt, dass die grüne Welle den Radverkehr attraktiv macht. 2. Vorgezogene Haltelinien für Radfahrer gibt es bereits. Ich werde mich dafür einsetzen, dass diese in den nächsten Jahren ausgeweitet werden. Mehrzweckstreifen sind wichtig, auch die gute Sichtbarkeit an neuralgischen Punkten. Wenn das allerdings flächendeckend umgesetzt wird, gibt es das Problem, dass an Stellen, wo es diese Streifen dann nicht gibt, Radfahrer dann auch weniger von Autofahrern erwartet werden.

UserInnenfrage per Mail: Wie heute wieder im Standard unter http://derstandard.at/1318726327204/Verkehrsstatistik-Jeder-zweite-getoetete-Radfahrer-und-Fussgaenger-aelter-als-65: "Jüngere wollen eine schnellere Führung, ältere haben lieber einen eigenen Radweg". Eine klare T

Martin Blum: Die Daten zeigen, dass unser Verkehrssystem nicht seniorengerecht ist. Niedrige Tempolimits, Verkehrsberuhigung und mehr Platz für Gehen und Radfahren sind zentrale Maßnahmen um das zu erreichen.

bauchidgw: Werden Sie zur Arbeit radeln? Falls ja, welches Wetter wird sie davon abhalten?

Martin Blum: Ich radle täglich zur Arbeit. Nur an ganz wenigen Tagen, etwa bei plus 1 Grad und Schneeregen ziehe ich Öffis vor.

bauchidgw: Ok, vor kurzem mal wieder im 7 Bezrik geradelt. Vor mit ein Polizeiauto, neben mir zwei gepartke Autos am Fahrradweg, die Polizei hat das natürlich einfach ignoriert. Ist auch ganz klar, die sitzen ja im Auto und denken deshalb wie Autofahrer. Gibts

Martin Blum: In Wien gibt es die Fahrradpolizei. Mir ist es ein Anliegen, dass die künftig ausgeweitet wird und mehr Polizisten mit dem Fahrrad anstatt mit dem Auto auf Streife fahren.

i bins nur: Wie sollte Ihrer Meinung nach die Mariahilfer Straße in Zukunft geregelt sein und welche Lösung für die Radfahrer präferieren Sie?

Martin Blum: Wichtig bei der Mariahilferstraße ist mir, dass sie künftig verkehrsberuhigt ist und Radfahren zu allen Zeiten erlaubt ist. Meine Ideallösung ist ein Shared Space bei dem Lieferverkehr zu Lieferzeiten möglich ist und Querungen mit KFZ-Verkehr bestehen bleiben können.

Sepp Kant: 1. Welche Kompetenzen hat der Radbeauftragte und besitzt er Entscheidungsgewalt in der Wiener Verkehrspolitik?

Martin Blum: Der Radverkehrsbeauftragte ist zentrale Anlaufstelle und Koordinationsstelle für Angelegenheiten zum Radfahren. Die Radagentur ist eine ausgelagerte GmbH der Stadt Wien, der Radverkehrsbeauftragte ist der Leiter der Agentur. Die Agentur ist auch eine Art Projektentwickler beim Radfahren in Wien. Die Kommunikation, Kampagnen und die Organisation von Veranstaltungen zählen zu unseren Aufgaben. Wir sind in die Entscheidungen beim Radfahren miteingebunden.

checkmate: Mit wievielen und welchen Behörden müssen sie zusammenarbeiten, um ihre Aufgabe machen zu können? Welche Verbesserungen (juridischer oder infrastruktureller Natur) kann mans als Radfahrer in nächster Zeit erwarten.

Martin Blum: Die Radagentur arbeitet mit allen Stellen in Wien zusammen die das Radfahren in irgendeiner Weise berühren. Wir haben einen Berg voller Ideen. In einer ersten Phase geht es darum zu schauen was schon geplant ist und welche unserer Ideen wir umsetzen.

Stef Hoche: grüne welle für radafahrer? bei welcher geschwindigkeit? 15, 20, 25 oder 30 km/h?

Martin Blum: Das ist eine Detailfrage, etwa bei 20/25 km/h, abhängig von den Anlageverhältnissen der Straße.

peak oil: Wann wird es ein wienweites Radrouensystem für AlltagsradlerInnen geben, nicht nur für Erholungsfahrten?

Martin Blum: Eine unserer Aufgaben ist es, das bestehende Netz besser zu kennzeichnen und erkennbar zu machen. Mittelfristig ist es auch in Städten wie Wien notwendig Schnellradwege zu installieren. In Kopenhagen, Amsterdam und London wird bereits daran gearbeitet. In Wien stehen wir hier noch am Beginn.

danmanyeah: wie entgegnen Sie den, meiner Ansicht nach, unnötigen Vorderungen nach Helmpflicht, Kennzeichen, etc.? Was sind Ihre Argumente um die öffentliche Diskussion wieder in eine Vernünftige Richtung zu lenken?

Martin Blum: Kennzeichen: Es ist immer schlecht Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Und so funktioniert es auch nicht etwas was beim KFZ wichtig ist aufs Fahrrad umzulegen. Übrigens wäre Österreich damit weltweit einzigartig. Helmpflicht: Es ist die Entscheidung jedes Einzelnen einen Helm zu tragen oder nicht. Für mich ist ein wichtiger Grundsatz, dass nichtmotorisierte Fortbewegung ohne zusätzliche Schutzausrüstung erlaubt ist. Es geht viel mehr darum, den Verkehr kindgerecht zu gestalten. Derzeit hat man im Straßenverkehr oft den Eindruck eines Gegeneinanders. Mir ist wichtig, das in Richtung mehr Rücksichtnahme und eines mehr Miteinanders zu lenken. Da werden wir Maßnahmen treffen, Vorbild bei der Verkehrskultur sind für mich skandinavische Länder.

Geoffrey of Monmouth: Bezüglich StVO-Beachtung der Radfahrer und Rücksicht der Autofahrer: Heute morgen am Weg zur Arbeit habe ich zwei vor mir fahrende Radfahrer davor bewahrt, bei Rot eine Straße am Schwarzenbergplatz zu kreuzen und so in die abbiegenden Autos reinzudo

Martin Blum: Auf der einen Seite gibt es Gesetze im Straßenverkehr. Auf der anderen Seite gibt es rücksichtsvolles bzw. rücksichtsloses Verhalten. Die Einhaltung von Gesetzen bedeutet aber nicht automatisch, dass man sich rücksichtsvoll verhält. Ich denke es geht darum, genau daran zu arbeiten, dass wir im Straßenverkehr aufeinander Rücksicht nehmen, uns hin und wieder ein Lächeln schenken, Fehler verzeihen, auch dem anderen einmal den Vorrang zu lassen.

Die Meinungsfreiheit: Was halten Sie von mybikelane.com? Verschlimmert das nicht die ohnehin schon angespannte Situation zwischen Rad und Auto?

Martin Blum: Bei dieser Seite wird der Frust vieler Radler über die derzeitigen Prioritäten im Verkehr sichtbar. Ich bin kein Fan dieser Art von Frust abladen. Wir werden als Radagentur den Kontakt zur Polizei suchen und das Radwegparken thematisieren.

john.carter.denton: die wiener radwege sind teilweise ein regelrechter ampeldschungel - beispielsweise muss man für die 350m gürtelradweg, die am westbahnhof vorbeiführen, sechs ampeln passieren, um auf der höhe urania vom donaukanalweg auf die zollamtstraße zu wechsel

Martin Blum: Ja da gibt es wirklich einige Stellen, die Radfahrern ein höchstes Maß an Geduld abverlangen. Ich hoffe, in einigen Jahren kann ich sagen, viele dieser Stellen wurden beseitigt.

konstantin bronkl: Ich arbeite als Radbote. Unsere Berufsgruppe wird von nahezu allen Seiten (Autofahrer, Fussgeher, Polizisten..) angegriffen. Das Wiener Radnetz zwingt uns jedoch zu Gesetzesübertretungen. Wie stehen Sie zu Fahrradboten und was halten Sie von den aus

Martin Blum: Ich habe in Graz 1993 selbst als Fahrradbote gejobbt und habe das in bester Erinnerung. Ein Grund warum ich damit aufgehört habe, war die schlechte Bezahlung und die damals noch geringen Aufträge während der Sommerferien. Vollstes Verständnis.

bauchidgw: Haben sie den Fahrrad-Knigge schon gelesen? Was halten Sie davon?

Martin Blum: Knigge ist ein sehr vorbelasteter Begriff. Es geht um Bewusstseinsbildung für das Miteinander nach dem Motto: Lassen Sie Ihre Manieren nicht zu Hause.

medionomix: Woher kommt das Budget für die Radagentur?

Martin Blum: Das Budget für die Radagentur kommt aus unterschiedlichen Töpfen, teilweise - Stichwort Kommunikation - übernehmen wir auch Aufgaben die bisher von einzelnen Magistratsabteilungen wurden.

Topiary: Ziel ist es den Radverkehr in Wien zu verdoppeln. Sind die Kapazitäten der Radwege dafür ausreichend?

Martin Blum: Nein. Dafür benötigt es mehr Kapazitäten. Eine Möglichkeit ist es auch hier Straßenzüge mit hoher Radlfrequenz für den Radverkehr zu priorisieren. In Richtung dieser Art Fahrradstraße wird bereits gearbeitet.

bern: was halten Sie persoenlich von segways?

Martin Blum: Segways sind eine sehr US-amerikanische Art der Fortbewegung. Ich mag sie nicht besonders. Man steht auf einem Brett und bewegt sich nicht. Das Fahrrad ist wendiger, leichter, freudvoller und braucht weniger Platz, weniger Geld und keinen Strom.

prescott: Zur Erhöhung und Attraktivierung des Radfahranteils am Stadtverkehr sollte eigentlich das Fahren gegen die Einbahn für Radfahrer generell gestattet werden, bis auf die wenigen Ausnahmen, wo dies aus nachvollziehbaren Gründen nicht geht. Ist ein Lobb

Martin Blum: Radfahren gegen die Einbahn ist eine der sichersten Fortbewegungsarten in Wien. Es passieren so gut wie keine Unfälle, wie Statistiken zeigen. Ich habe mich in der Vergangenheit für die vollständige Öffnung von Einbahnen - mit wenigen Ausnahmen - stark gemacht und werde das auch weiterhin tun. In Frankreich und Belgien sind bereits Tempo 30 Zonen generell für Radfahren gegen die Einbahn geöffnet.

anna b: Ich bin derzeit in Paris, wo das Fahrradverleihsystem Velib ein wesentlicher und populärer Bestandteil des (öffentlichen) Verkehrs geworden ist. Gibt es Bestrebungen, das Citybike System in Wien auch als konkurenzfähiges Verkehrsmittel auszubauen (h

Martin Blum: Ja dazu gibt es Bestrebungen.

mir.70: Ich - selbst Radfahrer - ärgere mich regelmäßig über undisziplinierte Radfahrer und vor allem deren Unrechtsbewusstsein. Wie wollen Sie einwirken, dass Auf-dem-Gehsteig-rasen, Bei-rot-Fahren, Gegen-nicht-offene-Einbahnen-Fahren, etc. in Zukunft vers

Martin Blum: Es gibt unter allen Verkehrsteilnehmern auch Rücksichtslose. Das ist kein Spezifikum des Radfahrens, siehe Telefonieren am Steuer bei Kreuzungen. Ich sage es noch einmal, Rücksichtslosigkeit hat mit dem Nichteinhalten von Gesetzen oftmals wenig zu tun.

Shagga Son of Dolf: Sehen sie Elektro- und Klappräder als richtige Fahrräder an?

Martin Blum: Elektroräder und Falträder sind richtige Fahrräder. Elektrofahrräder ermöglichen neue Nutzer anzusprechen. Falträder sind in Kombination mit Öffis eine tolle Sache.

trollvottel: Könnte man mal der Polizei deutlich mitteilen, dass es auch ihre Aufgabe ist, Radfahrer zu schützen? Bei allen Konflikten nach lebensgefährlichen Situationen, die ich gesehen habe - etwa wenn ein Autofahrer bei rot über die Ampel fährt und ein Radfa

Martin Blum: Ja, es ist hier besonders wichtig auf Radfahrer zu schauen, denn Radfahrer haben keine Knautschzone und was bei Autos als Blechschaden endet, ist beim Radfahrer eine Verletzung. Dieses Verständnis möchte ich stärken.

_Glacionaut_: Ich habe mal eine Google-Map angelegt die öffentlich ist, wo ich meine Freunde aufgerufen habe Probleme im Wiener Radnetz einzutragen. Ich glaube sowas wär ein gutes Mittel um die Problemstellen der Radfahrer zu sammeln. Was halten sie von der Idee,

Martin Blum: In diesem Bereich wird es Aktivitäten der Radagentur geben. Es ist vor meinem Arbeitsbeginn noch zu früh etwas Konkretes darüber zu sagen.

ModeratorIn: Wir danken Martin Blum für dei Teilnahme am Chat. Leider konnten wieder einmal nicht alle Fragen beantwortet werden.

Martin Blum: Herzlichen Dank fürs Chatten. Freue mich schon auf die ersten Wochen als Radverkehrsbeauftragter. Es gibt viel zu tun.

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