"Am schlimmsten ist ein veralteter Lehrkörper"

  • Bei Quest to Learn, einer
Schule in Manhattan, basiert der Lehrplan ausschließlich auf
Videospielen. In Großbritannien wird sichere Internetnutzung ab 2011 Pflichtfach in
den Schulen.
    foto: claudio lucio midolo

    Bei Quest to Learn, einer Schule in Manhattan, basiert der Lehrplan ausschließlich auf Videospielen. In Großbritannien wird sichere Internetnutzung ab 2011 Pflichtfach in den Schulen.

Jugendliche leben in einer multimedialen Welt inklusive Informationsüberdosis - Wie sie damit umgehen sollen, lehrt sie in der Schule aber niemand

"Sie können fragen wen sie wollen. Alle werden ihnen sagen, dass Medienbildung wichtig ist. Das sind aber meist nur Lippenbekenntnisse. Denn wenn es darum geht, dass Medienbildung betrieben und erforscht und deshalb auch gefördert gehört, dann sieht es schlecht aus", sagt Theo Hug, Professor am Institut für Erziehungswissenschaften an der Uni Innsbruck. Bestes Beispiel dafür sei, dass es in ganz Österreich keinen eigenen Lehrstuhl für Medienpädagogik gebe.

Hannes Thomas, Direktor der Informatikschule Jennersdorf, setzt auf eine intensive Medienbildung seiner Schüler. "Das sind wir den Kindern schuldig. Zum einen wegen der Anforderungsprofile, die die Wirtschaft vorgibt, zum anderen weil die Kinder ohnehin permanent von Medien umgeben sind", sagt Thomas zu derStandard.at. Er fordert von seinen Lehrerinnen und Lehrer mehr Fortbildung, als vorgeschrieben ist. "Denn die für Lehrer vorgeschriebenen Fortbildungsmaßnahmen sind ein Bruchteil von dem was notwendig ist", meint Thomas.

Von der Zeitung bis zum Youtube-Video

Für die SchülerInnen in Jennersdorf gibt es neben der Medienbildung in den regulären Fächern wie Informatik und Deutsch auch eine unverbindliche Übung Medientechnologie, die im Umfang von zwei Stunden von der ersten bis zur vierten Klasse angeboten wird. Derzeit nehmen rund 20 SchülerInnen an der Übung teil und lernen Videos für Youtube zu erstellen, Podcasts aufzunehmen und Fotoreihen für den Bildschirm in der Aula zu schießen, aber auch Dia- und Filmprojektoren sehen sich die SchülerInnen an.

Auch mit der Nutzung traditioneller Medien setzen sich die SchülerInnen auseinander. Im Deutschunterricht der vierten Klasse analysierten die SchülerInnen mit Hilfe des Angebots des Vereins "Zeitung in der Schule" die heimischen Tageszeitungen und machten eine Umfrage. Das Ergebnis: 56,3 Prozent der befragten 19 SchülerInnen lesen regelmäßig Zeitung, 75 Prozent der Haushalte haben eine Zeitung abonniert. 

Stellenwert der Medienbildung variiert stark

Doch nicht an allen Schulen gibt es ein solches Engagement, was die Medienbildung anbelangt. "Der Stellenwert der Medienbildung an der jeweiligen Schule hängt stark mit der personellen Besetzung zusammen", sagt Edith Blaschitz, Leiterin des Fachbereichs "Mediengestütztes und individualisiertes Lernen" an der Donau-Universität Krems. "Am schlimmsten ist ein veralteter Lehrkörper, der nicht an Fortbildung interessiert ist, und eine desinteressierte Direktion."

Eine Maßnahme, die Medienbildung in Österreich vorantreiben soll, ist der alljährliche, von einem Ableger des Unterrichtsministeriums ausgeschriebene, "media literacy award". Dieser Preis soll die besten medienpädagogischen Projekte an Schulen auszeichnen und einen kreativen und kritischen Umgang mit allen Arten von Medien fördern. "Die dort ausgezeichneten Projekte sind Verausgabungen von Menschen, die sich speziell dafür interessieren. Das sind Highlights, aber leider auch Einzelfälle. Flächendeckend gibt es so etwas nicht in Österreich", bedauert Hug.

Kein eigenes Unterrichtsfach

Dass Medienbildung nicht als eigenes Fach an den Schulen unterrichtet wird, liegt daran, dass Medienbildung wie beispielsweise auch Verkehrserziehung, Umweltbildung und Sexualerziehung zu den zwölf so genannten Unterrichtsprinzipien gehört. Das heißt, die Lehrinhalte sollen als Querschnittsmaterie in mehreren Fächern unterrichtet werden. "Die Idee Medienbildung als Unterrichtsprinzip zu verankern, soll eine Gettoisierung der Thematik in einem Fach vermeiden. Denn Medienbildung sollte über die Grenze der einzelnen Gegenstände hinausgehen", sagt Wolfgang Fingernagel vom Unterrichtsministerium zu derStandard.at.

Gefahr der Vernachlässigung 

Dass diese Regelung aber auch dazu führen kann, dass Medienbildung oder ein anderes Unterrichtsprinzip im Unterricht vernachlässigt wird, will Fingernagel nicht bestreiten: "Die Gefahr besteht immer, denn Lehrer haben Methodenfreiheit. Auch Lehrpläne sind nicht so eng, dass man Lehrer darauf festnageln kann, wenn sie etwas nicht gemacht haben, das darin vorgesehen ist."

Fingernagel glaubt, dass die Form des Unterrichtsprinzips für die Medienbildung eher der Wirklichkeit entspreche, als dies ein eigenes Fach tun würde. "Besonders bei den Medien gibt es laufend neue Entwicklungen, daher ist es sinnvoll diese in mehreren Fächern zu thematisieren.  Außerdem kämen wir in eine Bredouille, wenn wir für alles, was neu aufkommt ein neues Fach mit qualifizierten Lehrern etablieren müssten." Hug hingegen ist überzeugt, dass es beides geben sollte: Medienbildung als fächerübergreifendes Prinzip und als eigenes Fach. "Alle Lebens- und Handlungsbereiche sind von Medien betroffen, deshalb ist ein fächerübergreifendes Prinzip sinnvoll. Jedoch werden solche Prinzipien zu wenig realisiert, wahrgenommen und gefördert."

Technologieförderung hat Priorität

Sowohl in der Wissenschaft als auch in der Praxis gebe es zwei gegenläufige Bewegungen, sagt Blaschitz. "Die Medienkritik, die seit den Siebzigern lange Zeit der Schwerpunkt war, tritt immmer mehr zu Gunsten der wirtschaftlichen Kompetenzen für den Arbeitsmarkt in den Hintergrund." Vor allem die Verfügbarkeit von Fördermitteln sei der Grund dafür. Dem Erziehungswissenschaftler Hug ist das ein Dorn im Auge: "Die Politik fördert vor allem E-Learning und versteht darunter Schulen mit Computern auszustatten. Im Grunde ist das reine Wirtschaftsförderung."

Dadurch würde die Medienbildung vor allem in Zeiten knapper Budgets vernachlässigt und wirtschaftsnahere Bereiche gefördert. "Deswegen wird  bei der Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer meist nur eine Art technische Medienkunde gelehrt, bei der sie lernen Programme zu bedienen. Die theoretischen, sozialtechnischen und didaktischen Hintergründe werden außer acht gelassen", so Hug.

Medienbildung schon im Kindergarten

Überhaupt vernachlässigt werde die Medienbildung in der Frühpädagogik, also im Kindergartenalter, beklagt Claudia Gartler. "Es gibt bundesweit keine bildungspolitischen Maßnahmen für die Frühpädagogik, da die Gesetze in diesem Bereich von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sind", sagt Gartler, die in der Steiermark einen Lehrgang leitet, der die Medienkompetenz von KindergartenpädagogInnen fördern soll, damit diese den Kindern dem Alter entsprechende Angebote machen können. Die KindergartenpädagogInnen hätten oftmals selber nicht viel Erfahrung in diesem Bereich, so Gartler. "Schon in diesem Alter ist es aber wichtig den Kindern den Umgang mit Medien zu zeigen. In der von Medien dominierten Welt kommen die Kinder ohnehin nicht daran vorbei, sich mit Medien auseinanderzusetzen." (derStandard.at, 15.01.2010)

Am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Uni Graz wird der erste Lehrstuhl für Frühpädagogik eröffnet. Dort wurde das Projekt "Medien in der Frühpädagogik unter der Leitung von Claudia Gartler gegründet. Der Fortbildungslehrgang "MeKi - Medienbildung im Kindergarten" in der Steiermark geht aus einem EU-Projekt  hervor.

SchülerInnen der Informatikhauptschule Jennersdorf gewannen bereits zweimal den "media literacy award"

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