Antauchen

Christoph Winder
2. Dezember 2008, 12:43

Ein brünstiges Verbum

 Ehe es nun Weihnachten wird - und Weihnachen ist eine Zeit, in der Winders Wörterbuch um keinen Preis potenziellen Schweinigeleien Vorschub leisten möchte -, stelle ich heute noch schnell einmal das Wort "antauchen" zur Debatte. Mit "antauchen" ist im österreichischen Deutsch nicht nur "anschieben" gemeint - im Sinne etwa von " Das Auto springt nicht an, hilf mir, es anzutauchen" -, sondern das Wort ist auch als ein recht rüdes, und, wie ich glaube, in letzter Zeit häufiger zu vernehmendes Synonym für die Kopulation in Gebrauch - dann etwa im Sinne von "begatten", "beschälen" usf.

Das "Antauchen" ist gut als metaphorischer Ausdruck für den Geschlechtsverkehr geeignet, weil manche Bewegungselemente beim Anschieben eines Autos oder sonstiger Gegenstände in der Tat partielle Ähnlichkeit mit Bewegungen bei einem Coitus simplex zwischen Mann und Frau aufweisen können, von dem ich hier der Einfachheit halber einmal ausgehe.

In politisch korrekten Kreisen würde man der Verwendung von "antauchen" allerdings wahrscheinlich mit Skepsis begegen, weil es die virile Komponente des Geschehens doch einigermaßen deutlich betont. Das schlägt sich auch grammatikalisch nieder: Das "Antauchen" regiert (jawohl: regiert) ein (üblicherweises feminines) Akkusativobjekt, und typische Antauch-Sätze würden etwa so lauten: "Der Egon hat die Gabi angetaucht", "die Renate würd' ich gern einmal antauchen" etc. Einen Satz, in dem anstatt eines Antauchenden eine Antauchende in der Rolle des Subjektes aufträte ("Die Dani hat den Karl angetaucht"), würde ein österreichischer Native Speaker vermutlich für sonderbar, wenn nicht gar für fehlerhaft halten.

In seiner dezidiert männlichen Sichtweise der Welt korrespondiert antauchen mit Wörtern wie "schustern", "pudern" oder - sozial noch eine Etage tiefer - "nageln" oder "biagn", die, wohl nicht von ungefähr, ebenfalls den Akkusativ regieren. Wer auf Nummer Sicher gehen und mehr das gleichberechtigte Miteinander der Kopulationspartner akzentuieren möchte, wird also auf antauchen eher verzichten und stattdessen Formulierungen wie "miteinander schlafen" oder "Liebe machen" den Vorzug geben, wo die bockartige Brunst des Antauchens durch eine milde sprachliche Fadesse neutralisiert erscheint.

Aber womöglich taucht ja auch bei den p.t. Leserinnen und Leser noch die eine oder andere Assoziation zum Thema Antauchen auf.

Von Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at

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Nicht nur ein brünstiges ...

... sondern auch ein brunztiges Verb.

Wenn mann nicht genug antaucht, werden die Schuhe nass.

Aber

Pampers sei Dank, gibt es doch die Antauchtarnausrüstung!

Tauchergangerl

ein- und antauchen
bei 37 °C

schweinigellose Adventzeit

„Das Auto springt nicht an, hilf mir, es anzutauchen“
Nun endlich fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren … äh … von den Augen, was Georg Danzer gemeint hat mit: „Da Foi wiad imma gloara, heite Abend gibt’s kan Foara mehr.“

(Scherzerl und Wehmut so nah beinand; ich lege jetzt eine Gedenkminute an Herrn Danzer ein.)

"Wead a woll nit der heilige Geischt drübergrumpelt sein"...

...war der Kommentar einer älteren Dame zu einer ungeklärten Vaterschaft im Bekanntenkreis.

"Drüberrumpeln" kann es angesichts seiner Brachialität wohl durchaus mit Wörtern wie antauchen, nageln, pudern etc. aufnehmen.
Umso witziger fand ich die Vorstellung eines "drüberrumpelnden" heiligen Geistes.

Man stelle sich etwa den Satz vor: Der heilige Geist rumpelte über Maria und sie gebar einen Sohn.
Und wenn man das Ganze erst ins Passiv setzt, dann müsste es wohl heißen "sie wurde vom heiligen Geist überrumpelt"

ps: Lieber Herr Winder, ich entschuldige mich hiermit förmlichst, dass ich nun in gewisser Weise einen Zusammenhang zwischen diesen "Schweinigeleien" und Weihnachten hergestellt habe. ;)

Find ich auch sehr genial! :D

Entschuldigung wegen

des hervorragenden Hinweises auf drüberrumpeln akzeptiert.

Brillant !

In vielen Bereichen ist es besonders auch die Mathematik, die weiterbringt; bezugnehmend auf die hier vorliegende bemerkenswerte Auseinandersetzung mit dem Begriff 'anschieben': die anschiebt - und das oft unerwartet, ja überraschend. Für die gegebene Problematik darf zweifellos auf Arbeiten im Zusammenhang mit Singularitäten hingewiesen werden, insbesondere auf diejenigen der Mathematikerin Dominique Wagner. Aus Verklemmtheit resultierende dramatische Entwicklungen sind tatsächlich ja Legion.
Siehe: http://derstandard.at/?url=/?id... 7287060550

In einer der wuchernden online communities gibts den ähnlich anmutenden wenn auch wohl stark abschwächenden Begriff "anstupsen".

Da kann man also seine online-Bekannten sozusagen leicht antauchen, oder?

übrigens,

"gruscheln" kommt von "grunzen" und "nuscheln" :-P

Weitere Vorschläge zur Wortschatzerweiterung

auch unter http://derstandard.at/?url=/?id... kaRange=18

Die Vorsilbe an- drückt auch eine gewisse Näherung an eine bestimmte Sache oder eine nicht konsequente Umsetzung aus.
Anbraten ist etwas anderes als braten und kommt aber oft vor dem Antauchen.

Ich stelle mir aber vor, dass der U-Boot-Ingenieur bei der Jungfernfahrt, unsicher, ob seine Werk auch die Erwartungen erfüllt, dieses Wort in einem Satz an den Bootsführer verwendet:
"Und jetzt bitte ein bißchen antauchen!"

Rammelvokabular

"Antauchen" ist mir - abgesehen von der wortwörtlichen Bedeutung - im Zusammenhang mit Kopulation gänzlich unbekannt.

Jedoch im Kontext mit dem Angebot einer spontanen Gesichtsmassage des Gegenübers sehr wohl: "I tauch Dir eine an...!". Möge jeder selbst entscheiden, wofür das Vokabel am besten geeignet erscheint...

Womit das...

...im Text genannte Beispiel mit Dani und Karl etwa so interpretierbar wäre; die Dani hat dem Karl ane antaucht, nachdem er sie antauchen wollt!

;-)

Ist die "Titanic"

von einem Eisberg angetaucht worden?

oder genagelt (mit der eisbergspitze)

scheinbar, drum ist es ja auch nicht so harmonisch ausgegangen

Politisch korrekte Ausdrucksweise, Teil 1

Bevölkerungszuwachs in Österreich ist nicht durch "die Kraft österreichischer Lenden" entstanden
(Nein der ist NICHT von Schüssel)

"Die Kraft österreichischer Lenden"

Der Austro-Pop?

"... milde sprachliche Fadesse"!

*rofl*

Also, ich persönlich würde, gebräuchte ich den Ausdruck überhaupt, doch eher ein Dativobjekt benutzen. Oder ergäben sich seitens der Männerschaft dabei homophobe Geisteszustände angesichts "der Gabi antauchen"? Man sagt ja auch "jemandeM eine anschieben". :)

"Nageln" geht noch, auf meiner persönlichen Skala bildet "pudern" das ganz untere Ende der Sozialetagen.

Millionenshow: Ordnen Sie nach Sozialetage

a) antauchen b) nageln c) schustern d) pudern

Von oben nach unten oder von unten nach oben? ;)

na,

von hint' nach vorn

oben und unten bleibt dabei meist gleich

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