Der Sommer mit Mamã

Drama Brasilien 2015

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Die Tochter der Dienstbotin: Jéssica (Camila Márdila) hatte keine Ahnung, dass ihre Mama Val (Regina Casé) im Hinterzimmer einer wohlhabenden Familie lebt – und sie zettelt einen Aufstand an: Hinreißendes, preisgekröntes Gesellschaftsporträt aus Brasilien.

Immer bereit stehen, horchend, wartend hinter der Küchentür, ob die Herrschaften etwas brauchen könnten. Vielleicht ein Glas Saft, oder die Teller sind abzuräumen: Val (Brasiliens Filmstar Regina Casé) kennt ihren Platz. Seit 13 Jahren arbeitet sie als Haushälterin in São Paulo, gehört „fast zur Familie“, wie ihre Arbeitgeberin Dona Bárbara gerne betont, tröstet den inzwischen 17-jährigen Sohn Fabinho immer noch zärtlich, wenn er Liebeskummer hat oder nicht für seine Aufnahmeprüfung an der Uni lernen will. Sie weiß mehr von ihm und vom Haushalt als dessen eigene Mutter Bárbara, die als Fernsehmoderatorin zu gestresst ist, und sein Vater Carlos, der als ehemaliger Künstler und Lebemann über den Dingen des Alltags steht. Val fühlt sich wohl bei „ihrer“ Familie, sie hat ein nettes Zimmer ohne Klimaanlage im Anbau, und beim Wäscheaufhängen sitzt sie auch gelegentlich ein paar Minuten in der Sonne. Das Leben ist gar nicht so übel. Allerdings hat Val auch eine Tochter, die sie schon seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat: Jéssica (Camila Márdila) ist bei Vals bester Freundin aufgewachsen, am anderen Ende von Brasilien, mit dem Geld der fernen Mutter, aber ohne ihre Liebe. Seit Jahren haben die beiden nicht einmal miteinander telefoniert. Aber jetzt ruft Jéssica plötzlich an: Auch sie will die Aufnahmeprüfung an der Uni in São Paulo machen. Ob sie währenddessen bei Val wohnen kann? Klar kann sie, erlaubt Dona Bárbara großzügig, es wird sogar eine Extramatratze für Vals Dienstbotenzimmer angeschafft. Doch Jéssica, die ihre Mutter immer nur als mondänen Gelegenheitsbesuch mit vielen Geschenken kannte, hat gar keine Ahnung davon, dass Val wie ein Mensch zweiter Klasse lebt und das auch noch okay findet. Sie streift durch das großzügige Haus der Familie, als wäre sie ein ganz normaler Gast – warum auch nicht? Ihr Selbstbewusstsein ist für Dona Bárbara irritierend, für Don Carlos enorm reizvoll – und extrem peinlich für Val, die sich ununterbrochen für ihre Tochter entschuldigt. Doch warum sollte sich Jéssica denselben Demütigungen wie ihre Mutter unterwerfen?  Brasilien hat sich längst verändert – auch wenn es noch nicht überall angekommen ist: In Der Sommer mit Mamã erzählt die Regisseurin Anna Muylaert ebenso witzig wie anrührend vom gesellschaftlichen Umbruch auf allerengstem Raum, charmant, unterhaltsam und mitreißend – und immer wieder schmerzhaft, an den richtigen Stellen. Dafür gab’s in Sundance für beide Schauspielerinnen den Spezialpreis, und bei der Berlinale den Panorama Publikumspreis.

Weitere Informationen zum Film

www.skip.at