Kirschblüten - Hanami

Drama Deutschland 2008

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Was passiert, wenn zwei auf ewig zusammengehören – und einer stirbt? Doris Dörrie spürt der Frage nach – und steckt unterwegs sogar Elmar Wepper in die Frauenkleider von Hannelore Elsner.

Trudi (Hannelore Elsner) und Rudi ­(Elmar Wepper) sind eines von diesen etwas langweiligen Paaren, die jeder im Bekanntenkreis hat: Seit Jahrzehnten verheiratet, erwachsene Kinder, die mittlerweile weggezogen sind, in die Großstadt oder ins Ausland. Trudi hat ihre Ambitionen zu Gunsten der Familie aufgegeben. Und Rudi arbeitet viel zu viel, ist abends etwas faul, und lässt sich von ihr in der Früh seine Jausenbrote schmieren. Trudi wäre ja unternehmungslustig, doch mit ­seiner Trägheit hemmt er all ihre Ideen. Die beiden sind ohne einander nicht vorstellbar – als wären sie ein Organismus. Als Trudi vom Arzt erfährt, dass Rudi tödlich erkrankt ist und nicht mehr viel Zeit hat, hat sie die Wahl: Soll sie ihm von dem erzählen, was ihm bevorsteht? Sie entscheidet, ihn im Dunkeln zu lassen – und entwickelt eine ganz erstaunliche Überredungskunst, Rudi noch ein letztes Mal nach Berlin zu den erwach­senen Kindern zu bringen, noch ein letztes Mal ans Meer. Nur eines schafft sie nicht: ­ihren Mann davon zu überzeugen, mit ihr nach Tokio zu fliegen, zum jüngsten Sohn. Und dann, an der Nordsee, nach einem ­langen Spaziergang, passiert das Unvorstellbare: Trudi stirbt an einem Herzschlag. Die alle umsorgende Trudi, die immer vermitteln wollte – sie ist einfach weg. Und Rudi, völlig fassungslos, erkennt, dass er ohne sie nicht sein kann. Erst jetzt erfährt er, dass sie für ihn und die Familie ihren größten Traum ­aufgegeben hatte: nach Japan zu gehen und Butō-Tänzerin zu werden. Der japanische Buto ist ein Ausdruckstanz, bei dem mit dem Körper, vor allem aber mit den Händen Gefühle und Geschichten dargestellt werden. Für Trudi, die ihr Leben an der Seite ihres Mannes in einem bayrischen Kaff gelebt hatte, wäre Buto die Erfüllung gewesen, doch Rudi hat das immer als zu exotisch und seltsam abgetan. Auf den Spuren seiner Frau reist Rudi nun nach Tokio, um herauszufinden, welche Faszination sie getrieben hat – und während er bei seinem jüngsten Sohn wohnt, der ganz erstaunt über die seltsame Betriebsamkeit seines Vaters ist, erforscht er die Stadt und lernt die heimatlose Buto-Tänzerin Yu (Aya Irizuki) kennen, die ihm den Weg zur toten Trudi weist: Ausgerechnet am anderen Ende der Welt findet er so vieles, was ihn an sie erinnert. Er schlüpft immer weiter in die Rolle seiner Trudi hinein, trägt sogar ihre Kleider, und lebt am Ende ihren Traum – den Tanz am Fuße des Fuji. Doris Dörrie erzählt mit Kirschblüten – Hanami ein stückweit von der eigenen Trauer um ihren Lebenspartner, was dieser Geschichte große Eindringlichkeit verleiht. Zugleich schafft sie es, den ewig unterschätzten Elmar Wepper als Charakterdarsteller zu besetzen – was ihm gleich den Bayrischen Filmpreis einbrachte. Und er darf schöne Sätze sagen wie: „Der Fuji is letzten Endes auch bloß a Berg.“ Genau das ist die Qualität dieses Films: Das ganz große Trauergefühl wird immer durch wunderbar ­lakonische Momente gebrochen. Und wer ­danach nicht Lust auf Japan hat, hat nicht ­genau hingesehen.

Weitere Informationen zum Film

www.skip.at