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Drama, Liebesfilm, Literaturverfilmung Kanada 2006

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Sarah Polley hat keine Scheu vor großen Themen. Im wohl berührendsten Film des Jahres erzählt die junge Kanadierin, wie ein Lebenspaar mit der Diagnose Alzheimer zurechtkommt. Wahrhaftiges Gefühlskino mit einer überragenden Performance von Julie Christie.

Fiona und Grant, das perfekte Paar: Der Uni-Professor in Pension (Gordon Pinsent) und seine nach wie vor bezaubernde Ehefrau (Julie Christie) genießen ihr Cottage am Land. Doch Fiona leidet zunehmend unter dem typischen Gedächtnisschwund des Alters, wie sie meint. Sie verlegt Gegenstände, verirrt sich in der vertrauten Gegend. Ein Arztbesuch und die folgende Diagnose bringen grausame Klarheit: Fiona leidet an Alzheimer. "Das einzige, was wir versuchen sollten, ist ein klein wenig Würde zu wahren", ist ihr eiserner Entschluss. Zunächst hänselt sie ihren Mann noch mit vorgeblichen Gedächtnislücken, doch allzu rasch scheint der Einzug in ein Pflegeheim unausweichlich. Fiona macht sich noch einmal schick und erklärt ihrem Lebensmenschen, der sich nicht von ihr trennen will, "Ich muss hier bleiben. Und wenn du’s mir schwer machst, weine ich vielleicht so sehr, dass ich nie wieder aufhöre." Schweren Herzens lässt Grant Fiona im Heim zurück. Ein spezielles Aufnahmeverfahren verbietet ihm die ersten 30 Tage lang jeglichen Kontakt mit seiner Frau - zum ersten Mal seit fast vier Jahrzehnten ist er von ihr getrennt. Als er Fiona voller Wiedersehensfreude besucht, wird klar, dass nichts mehr so sein wird wie früher: Die Frau, mit der er sein Leben geteilt hat, erkennt ihn nicht wieder. Sie hat sich in der Zwischenzeit mit einem Bewohner des Heims angefreundet - mit Liam (Andrew Moodie) sitzt sie zusammen, spricht sie, spielt sie Karten. Eine ebenso sinnlose wie schier unüberwindbare Eifersucht überfällt Grant, der in seinen wilden Zeiten durchaus das eine oder andere Verhältnis mit seinen Studentinnen hatte und nun gegen diese rein platonische Nahebeziehung völlig machtlos ist. Er selbst altert zunehmend und wird so auch, während er seine Frau beim Weihnachtsessen eifersüchtig beobachtet, von einer jungen Besucherin glatt selbst für einen Heimbewohner gehalten. Die Verzweiflung macht Grant kreativ - er sucht Liams Frau auf und bittet sie, ihren Mann wieder zu sich nachhause zu nehmen. Die lebenserfahrene Marian (Olympia Dukakis) sieht allerdings überhaupt nicht ein, warum sie im Lebensdrama eines anderen eine Rolle spielen soll. Grants offensichtliche Trostlosigkeit bewegt sie jedoch dazu, ihn anzurufen. Die ungewöhnliche Selbsthilfegruppe der beiden Ehepartner führt zu eigenwilligen Gesprächen - Marians Sichtweise zeigt Grant auch, wie engstirnig er wohl lange Zeit war. "Es sind immer die Männer, die denken, es sei eigentlich nicht viel falsch gelaufen", sagt sie lakonisch. Für einen kurzen Moment wird aus den Gesprächen mehr, aber es bleibt bei einem eher ungelenken denn denkwürdigen Zwischenspiel. Ein verrückter ehemaliger Eishockey-Kommentator im Altersheim erkennt die Situation punktgenau, als er im Rollstuhl an Grant vorbeigefahren wird: "Da steht ein Mann mit einem gebrochenen Herzen, zersprungen in tausend Stücke." Auch die kanadische Schauspielerin und Regisseurin Sarah Polley hat sich für diesen Film verliebt - in die Kurzgeschichte von Alice Munroe, Der Bär kletterte über den Berg. Für Polley "eine der schönsten Liebesgeschichten, die ich jemals gelesen habe". Hartnäckiges "Stalking", so Polley lachend, ermöglichte die Zusammenarbeit mit Julie Christie, von deren "magischer Qualität" sie schwärmt. Für den Film zog sie auch private Erfahrungen heran, so beruht die Figur des Sportreporters auf ihrem Onkel. Ihr Heimatland Kanada schlägt sich ebenfalls nieder - im Soundtrack des Films. Neil Youngs Heuler Harvest Moon bringt während einer wunderschönen Tanzszene die Beziehung von Fiona und Grant auf den Punkt: "When we were strangers, I watched you from afar. When we were lovers, I loved you with all my heart." Auch im Abspann ein Neil Young-Song: Helpless in der unvergleichlichen Interpretation der großartigen kanadischen Sängerin K. D. Lang. Ein herzzerreißend schöner, klarsichtiger Film. Taschentücher nicht vergessen!

Weitere Informationen zum Film

www.skip.at