
Wie der STANDARD herausgefunden und berichtet hat, findet sich im Strafakt (Aktenzeichen 8 Ur 166/06k) ein zweiter Akt, dem von der Justiz im Rahmen des laufenden Verfahrens bisher kaum Augenmerk geschenkt wurde. Am 17. Jänner 2005 (einige Hypo-Mitarbeiter waren damit beschäftigt, die in der Öffentlichkeit noch unbekannten Swap-Verluste zu verarbeiten) war die Polizei zur Wohnung Rauschers gerufen worden, wo sie den Banker verletzt vorfand. Er gab an, überfallen worden zu sein; Tags darauf, sprach er davon, sich selbst verletzt zu haben, da er privat unter großem Druck gestanden habe.
Das Pikante daran: Noch während am Abend des 17. Jänner die Polizei den Vorfall aufnahm, kamen (von der Polizei informierte) Bank-Mitarbeiter sowie der Hypo-Sicherheitsbeauftragte, Albert Stangl, herbei – und nahmen kurzerhand einen schwarzen Aktenkoffer Rauschers mit (dass es ihn gab, davon zeugt ein Foto, das im Akt liegt). Die Fragen der Polizisten, was denn da genau fortgebracht werde, blockten die drei Banker mit dem knappen Hinweis "Bankgeheimnis" ab. Genau diese nicht unerhebliche Frage ist bis heute offen. Die Polizei trat die Akte Rauscher (Körperverletzung; richtete sich gegen unbekannte Täter) später an die Staatsanwaltschaft ab, diese stellte ihre Erhebungen so zu sagen ruhend. Sie stellte aber vor allem auch dann keine Fragen zum Inhalt des Koffers, als sie ab dem Vorjahr gegen Rauscher wegen der Swap-Verluste ermittelte. Die Akte Rauscher ruht seither im Swap-Gerichtsakt; auch bei der fünfstündigen Einvernahme Rauschers durch U-Richterin Elisabeth Krassnig am 8. November des Vorjahres war der Kofferinhalt kein Thema.
"Werden das erheben"
Genau das soll nun nachgeholt werden. Der Leitende Staatsanwalt des Landesgerichts, Gottfried Kranz: "Es ist natürlich interessant, zu erfahren, welche Dokumente in dem Koffer waren. Wir werden das schon noch erheben. Wir werden Rauscher dazu befragen, entweder durch die U-Richterin oder die Polizei." Kranz erwartet sich aber nicht viel davon: "Das wird so oder so nichts bringen, vor allem, wenn das Material Rauscher belastet." Ex-Bankchef Kulterer kann jedenfalls nicht weiterhelfen; er lässt ausrichten, vom Koffer "nichts gewusst zu haben". Recherchen des STANDARD haben ergeben, dass im Koffer auch Aufzeichnungen zu den Swap-Geschäften zu finden waren, und dass das eine oder andere Detail bisher nicht den Weg ans Licht der Öffentlichkeit gefunden hat. Rauscher selbst will dazu nichts sagen, er wartet jetzt einmal ab, "ob und was man mich fragen wird".
Ob und wann in der Causa Hypo Anklage erhoben wird, entscheidet sich gegen Sommer. Der Grazer Wirtschaftstreuhänder Fritz Kleiner wird bis Ende Juni an seinem Gerichtsgutachten arbeiten. Dann wird übrigens auch feststehen, wer die (derzeit von Grawe-Vorstand Siegfried Grigg geführte) Bank künftig leiten wird. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.03.2007)