Volltextsuche:go

Die Höhle der vergessenen Träume - 3D

Dokumentation (CDN/USA/F 2010) - 90 min
Altersfreigabe: uneingeschränkt

Regie: Werner Herzog
Produzent: Adrienne Ciuffo, Erik Nelson
Filmstart: Fr, 04. November

4 Userbewertungen: Bewertungsbalken

Film bewertenProgramm anzeigen

"Picasso ist auch nicht besser"

Dieter Oßwald sprach mit dem deutschen Regisseur und Abenteurer.

Standard: "Die Höhle der vergessenen Träume" avancierte in den US-Kinos zum erfolgreichsten Dokumentarfilm des Jahres - wie erklären Sie diesen enormen Erfolg?

Herzog: Der liegt wohl daran, dass der Film eine bestimmte Kraft besitzt, die man im Kino selten erlebt: Da ist ein ganz tiefes Staunen, das sich im Publikum auf einmal ausbreitet. Das Schöne ist, dass die Zuschauer das Kino verlassen, und keiner redet von einem Film - alle reden von einer Höhle, als gäbe es gar keinen Film. Das ist für mich ein riesiges Kompliment.

Standard: Etliche Filmemacher haben vergeblich versucht, in die heiligen Höhlen vorzudringen - konnten Sie die begehrte Drehgenehmigung bekommen, weil Kulturminister Frédéric Mitterand ein großer Fan von Ihnen ist?

Herzog: Ob der Minister meine Filme liebt oder nicht, spielt wahrscheinlich nur eine geringe Rolle. Die Genehmigung kann der Kulturminister alleine gar nicht geben. Da mussten auch die Regionalregierung und der Rat der Wissenschaft zustimmen. Mitterand wusste natürlich von meinen Filmen, dass ich als Regisseur kompetent bin. Aber keiner von denen, die einen Film über dieses Thema machen wollten, hatte solch eine Glut in sich wie ich. Dieses Thema hat mich seit meiner Jugend fasziniert - das hat sich wahrscheinlich mitgeteilt.

Standard: Um den Film drehen zu können, haben Sie sich vom französischen Staat anstellen lassen, für das symbolische Honorar von einem Euro ...

Herzog: Das war eine Geste, und ich habe auch gleich gesagt, dass ich dieses Honorar nicht in Frankreich versteuern würde. Praktisch gesehen hat dieser eine Euro allerdings die Konsequenz, dass der französische Staat nun sämtliche nichtkommerziellen Rechte besitzt. Das Kultusministerium kann den Film also in 30.000 Klassenzimmern, in Museen oder auf Festivals zeigen.

Standard: Und dabei werden Sie von Volker Schlöndorff auf Französisch synchronisiert.

Herzog: Stimmt, der Schlöndorff spricht meinen Part. Meine Stimme mag eine Art Markenzeichen sein, aber ich spreche kein Französisch. Ich benötigte also jemanden, der glaubwürdig und intelligent Französisch sprechen konnte - und Schlöndorff hat das netterweise für mich gemacht.

Standard: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie in der Höhle vor diesen Bildern standen?

Herzog: Gar kein Gedanke, nur Staunen. Totales Staunen - obwohl ich von den Fotos in etwa wusste, was mich erwartet. Einen Raum zu betreten, der über Zehntausende von Jahren hinweg vollkommen versiegelt war, das ist atemberaubend. Dieses unerhörte Staunen auf ein Publikum übertragen zu können war mein großes Anliegen.

Standard: Es überrascht ein wenig, dass ausgerechnet Sie sich an das Verbot halten, den vorgegebenen Weg der Höhle keinesfalls zu verlassen, und stets auf dem Metallsteg bleiben ...

Herzog: Niemand verlässt diesen Metallsteg, weil gleich daneben frische Spuren von Höhlenbären zu finden sind, die seit 30.000 Jahren unverändert sind. Erst am letzten Drehtag haben wir versucht, unsere beiden Begleitpersonen zu bitten, dass wir mit einer an einem Besenstiel befestigten Kamera etwas weiter vordringen dürfen. Die haben sich kurz beraten und sagten dann: "Monsieur: Oui!"

Standard: Wenn Sie die französischen Höhlenmalereien mit den 10.000 Jahre älteren Figuren von der Schwäbischen Alb vergleichen - welche Kunstwerke gefallen Ihnen besser?

Herzog: Das kann ich gar nicht sagen. Auch diese Figuren von der Schwäbischen Alb haben etwas sehr Anrührendes und Bewegendes. Es ist schon seltsam, wie sich dieses Ergreifende über 40.000 Jahre hinweg uns heute noch mitteilen kann - das ist wirklich menschliche Kultur. Und die erstaunliche Erkenntnis lautet: Picasso ist auch nicht besser.

Standard: Warum lassen Sie den Tübinger Archäologen auf dem ältesten Musikinstrument der Menschheit ausgerechnet die US-Nationalhymne spielen?

Herzog: Als ich ihn fragte, ob diese Flöte tatsächlich spielt, hat er mir darauf die US-Nationalhymne vorgespielt. Die Tonlehre hat es vor 40.000 Jahren eben auch schon gegeben. Das wir das im Film verwenden, gehört einfach zur Erzählfreude und einem gewissen Humor hinzu. Man darf das nicht alles so bierernst abhandeln.

Standard: Humor würden manche nicht unbedingt mit Herzog verbinden ...

Herzog: Das Publikum hat den Humor immer schon wahrgenommen, weil in meinen Filmen ja gelacht wird. Bei den Kritikern wächst auch langsam die Anzahl derer, die den Humor erkennen und beschreiben.

Standard: Humor beweisen Sie bald auch bei den "Simpsons" - wie sieht Ihre Rolle aus?

Herzog: Ich spiele mich nicht selbst, sondern verkörpere bei den "Simpsons" einen deutschen Pharmazieunternehmer, der eine LSD-artige Pille auf den Markt wirft, die unerträgliche alte Leute wie den Grandpa ruhigstellen soll. Mit Ausnahme von "Incident at Loch Ness" habe ich mich nie selber gespielt. Ich bin immer am besten, wenn ich feindselig und niederträchtig auftrete.

Standard: Demnächst zeigen Sie das auch an der Seite von Tom Cruise.

Herzog: Ja, im Dezember spiele ich den Bösewicht in einem großen Hollywood-Actionfilm. Leider, leider muss er mich am Schluss umbringen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 4.11.2011)

Programm anzeigen

Trennlinie

http://www.hoehledervergessenentraeume.dehttp://www.caveofforgottendreams.co.ukThe Internet Movie Database

Artikelbild
foto: apa (pr/filmladen)
Kommentar posten
18 Postings

"Es überrascht ein wenig, dass ausgerechnet Sie sich an das Verbot halten, den vorgegebenen Weg der Höhle keinesfalls zu verlassen, und stets auf dem Metallsteg bleiben."

es überrascht mich, dass man überrascht sein kann, dass herzog nicht gleich - unter missachtung jeglicher verhaltensregeln - wild drauflos durch die höhle rennt und den jahrtausende alten zustand zerstört, nur um sich selbst in szene zu setzen.

Picasso war auch nicht besser...

Da kann ich dem Herzog voll und ganz zustimmen.

vielleicht sollten sie sich mal ein wenig mit

kunstgeschichte im allgemeinen und picasso im speziellen auseinandersetzen?

Sie sind aber Oberlehrerhaft

Ich beschäftige mich schon seit meiner frühesten Jugend mit Kunst hauptsächlich mit der Renaissance aber auch mit den Impressionisten, ebenso mit den Expressionisten. Auch von Picasso kenne ich einiges und ich finde, dass sich diese Höhlenmalereien mit den Werken, die ich kenne durchaus messen können.
Also nicht immer behaupten, nur weil einmal jemand anderer Meinung ist, dass dieser ein "Banause" wäre, dass zeigt höchstens wie engstirnig Sie sind und der Schuss geht nach hinten los!
Ich bin regelmässig im KHM und in der Albertina.
Ja sogar im D'orsay in Paris war ich schon und im Centre Pompidou und im Louvre schon 5-mal usw.
Ach ja Guggenheim in New York auch noch, dass sogar zur Maturareise.
Jetzt reicht es aber. Adieu!

Korrektur:

Picasso i s t nicht besser als diese Malereien...

herzog war immer schon gut, freu mich auf den film. "aguirre, der zorn gottes" sah ich anfang der 70er-jahre mit ca. 11 oder 12 jahren das erste mal im kino. ist heute noch einer meiner lieblingsfilme.

Filmmusik

Unbedingt die tolle Filmmusik von Ernst Reijseger Cave of Forgotten Dreams
auf Winter&Winter anhören !!!

In der Ruhe liegt die Kraft

Danke

Das Großartige ist, dass Herzog einfach weiter

immer wieder spannende und großartige Filme dreht. Und das seit über 40 Jahren. Bewundernswert, dass seine Neugier immer noch groß und seine Fragen an Interviewpartner regelmäßig äußerst überraschend sind (davon könnten einige Journalisten viel lernen). Herzog muss wohl einiges in seinem Leben sehr richtig gemacht haben - oder sehr falsch, und er hat daraus die richtigen Schlüsse gezogen.

JA!

Kann mich ihnen nur anschließen. Herr Herzog ist ein "Könner" in seiner Branche und seine Filme sehenswert & wertvoll.

cineastische Grüße,

H.P.

Kristallhöhlen

Ist etwas off topic, aber Höhlenfreunde dürfte das interessieren:
http://erfolg.org/kristallhohle/
Kristalle mit einer unglaublichen Länge von bis zu 13 Metern in Mexiko.

War vor ~3 Wochen doch eine doku auf ServusTV?
Abartig genial...

Freu mich schon sehr auf die Simpsons-Folge...

...und meine Hochachtung vor Herrn Herzog, er wird es sich zwar leisten können, aber es ist trotzdem eine nette Geste auf die nichtkommerziellen Rechte zu verzichten(...wenn das nicht die informelle Bedingung für die Drehgenehmigung war ;) ) um die Mitmenschen zu informieren und zu motivieren sich für ihre Herkunft zu interessieren! Die Aussage, "Picasso ist auch nicht besser", finde ich ebenfalls genial, da es indirekt wiedermal die absurden Preise des Kunstmarktes aufzeigt, die Menschen bereit sind für ein bekritzeltes oder bemaltes Stück Papier zu zahlen, während (tw. hundert)tausende Menschen von dem Geld ernährt werden könnten! Die Bilder blieben ja noch genauso schön, sie werden dann nur nicht mehr unnötig kapitalistisch glorifiziert!

Möchte wirklich wissen welcher Troll...

...für mein Post ein rotes Stricherl hinterlassen hat!

@scrollradl:
Bin schon gespannt drauf! :D

in der simpson-folge wird im vorspann gezeigt . . .

. . . dass der ursimpson als strafarbeit 150 wollhaarnashörner zeichnen mußte - wegen bebrunzens der talglichter der eigentlichen künstler

OK, und wo ist die Info wann der Film hier zu sehen sein wird?

der film läuft seit heute abend in wien:
gartenbau, apollo, village

die wahl dürfte wohl kaum schwer fallen.. ;-)

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.