Volltextsuche:go

Hugo Cabret 3D

Abenteuer, Drama (USA 2011) - 126 min
Altersfreigabe: ab 8 (Steiermark: ab 10)

Regie: Martin Scorsese
Produzent: Johnny Depp, Tim Headington, Graham King, Martin Scorsese
Darsteller: Asa Butterfield, Ben Kingsley, Sacha Baron Cohen
Filmstart: Fr, 10. Februar

14 Userbewertungen: Bewertungsbalken

Film bewertenProgramm anzeigen

Die magischen Uhren des Kinos laufen rückwärts

Im Mittelpunkt der überbordenden Ode an die imaginären Möglichkeiten des Kinos steht ein Waisenjunge, der in einem Bahnhof lebt.

Wien - Am oft lotterig wirkenden Einsatz von 3-D-Technologie lässt sich ablesen, wie verzweifelt sich das zeitgenössische Kino gegen mediale Konkurrenz zu behaupten sucht. Ob sich diese langfristig durchsetzt, ist längst nicht ausgemacht. Doch wenn sich ein wichtiger und anerkannter Regisseur wie Martin Scorsese dieses visuellen Illusionsmittels annimmt, ist Aufmerksamkeit angebracht: Es sind schließlich Arbeiten von erfindungsreichen Geistern wie ihm, mit denen sich entscheidet, wie viel Potenzial in dem Budenzauber tatsächlich steckt.

James Camerons zumindest technologisch bahnbrechender Film Avatar lieferte darauf eine Antwort, indem er eine - uneingelöste - Zukunft des Mediums aufzeigte. Scorseses Hugo Cabret versteht sich hingegen als Hommage an die Vergangenheit des Kinos und betreibt eine beispiellose Rückbesinnung auf dessen früheste Illusionen - anders als The Artist mit den Mitteln von heute. Der Italoamerikaner Scorsese ist als bekennender Cinephiler auch für seine filmvermittelnden Arbeiten und Restaurierungsbemühungen bekannt.

Seine Adaption des ungewöhnlichen Bilderromans The Invention of Hugo Cabret von Brian Selznick spiegelt seine Faszination für das Medium auf vielfältige Weise wider. Zuallererst wohl als Ode an alles Mechanische, die diesen Film, einen ganz bewusst so geplanten Familienfilm, wie eine Tour durchs technische Museum wirken lässt: ein mechanischer Mensch (der wie ein Requisit aus Fritz Langs Metropolis erscheint), zu dem der ihn startende Schlüssel fehlt; zahllose Uhren und Räderwerke; ein Bahnhof als Hauptort des Geschehens, an dem das einstige Symbol des Fortschritts, die Eisenbahn, hält. Von da ist es nur ein kleiner Gedankenschritt zur entsprechenden Kunstform, dem Kino, und einem ihrer ersten Meister, dem Franzosen Georges Méliès (im Film von Ben Kingsley verkörpert). Er war der Erfinder des Kinos als Illusions- und Zaubermaschine.

Nicht sparsam mit Reizen

Scorseses Film ist aber selbst wie eine Wundertüte konzipiert. Hugo Cabret erschafft eine abgeschlossene Welt, ähnlich solcher, die idyllisch hinter dem Glas einer Schneekugel liegen: Das gemalte (und teils computeranimierte) Paris-Bild funkelt nostalgisch und geizt nicht mit optischen Reizen - in so intensivem Kontrast zu Selznicks Schwarz-Weiß-Vorlage, dass einem durchaus schwindlig werden kann. Zentraler Held ist der Waise Hugo (Asa Butterfield), ein mittelloser Bub wie aus einem Charles-Dickens-Roman, dessen Perspektive der Film einnimmt - durchaus virtuos, wie schon eine frenetische Sequenz durch Tunnels und Treppen am Beginn des Films demonstriert.

Hugo lebt in einem der vergessenen Schächte dieses Bauwerks und sorgt dort dafür, dass die mächtigen Uhren nicht zum Ticken aufhören. Die anderen Figuren sind typenhaftes Personal aus dem Stummfilmkatalog: allen voran der Gendarm mit Beinprothese (Sacha Baron Cohen), der Kinderschreck dieses Schauplatzes, der es sich zur persönlichen Aufgabe gemacht hat, streunende Waisen einzufangen. Eine der komischsten (und minimalistischsten) Einstellungen des Films: sein im 3-D-Modus langsam näherrückendes fieses Gesicht.

Andere erzählerische Miniaturen rund um Alltagsabläufe am Bahnhof, mit denen Scorsese die Sketches der Stummfilmzeit zitiert, wirken dafür etwas forciert. Der größere erzählerische Bogen führt jedoch ohnehin anderswohin - zu Hugos persönlicher Suche nach einer familiären Heimstatt. Ein etwas sentimentaler, manchmal konstruiert wirkender Plot, der allerdings dadurch gewinnt, dass er unaufhörlich das Kino selbst zum Thema macht: Méliès, dem verbitterten Kinomagier im Ruhestand, von Scorsese in fröhlicher Ehrerbietung wieder zum Leben erweckt, kommt dabei eine entscheidende Rolle zu.

Die schönsten Momente aus Hugo Cabret sind so vielleicht jene, in denen die Euphorie dieser Pioniertage zum Ausdruck kommt. Man spürt förmlich den Spaß, den ein filmbegeisterter Regisseur dabei hatte, mehr als hundert Jahre später den Dreh zu Die Reise zum Mond samt Nymphen und anderer betörender Kreaturen nachzustellen. Ganz ohne Kulturpessimismus werden Scorsese 3-D und die digitalen Zaubertricks zum Mittel, die lange Tradition eines Kinos der Attraktionen zu zelebrieren.

Es war bekanntlich Hollywood, das sich dieses imaginäre Potenzial von Film zu eigen machte. Da passt es ins Bild, dass Hugo Cabret mit elf Nominierungen als Favorit in die Oscar-Verleihung geht. Hier kommt die Vergangenheit des Kinos als heranrasende Eisenbahn der Brüder Lumière, vor der das Kinopublikum einst erschrak, in der Gegenwart an. Hugo Cabret erzählt aber auch davon, wie viel Aufwand solcher Sinneskitzel heute bedarf. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, Printausgabe, 8.2.2012) 

Programm anzeigen

Trennlinie

http://www.hugocabret.athttp://www.hugomovie.comThe Internet Movie Database

Artikelbild
foto: apa (uip)
24 Postings
Sagenhaft langweiliger film

Für einen kinderfilm zu fad. Für alles andere zu kitschig. Wieso dieser Film von vielen so gelobt wird ist mir unverständlich.

Warum läuft das eigentlich unter "Kino 2011" ????

Weil er in den meisten Laendern bereits vor Weihnachten 2011 gelaufen ist... Ich selbst hab den Film Ende November in Grossbritannien gesehen!

Unfassbar: Von Mean streets zu Mainstream. Wie kann man sich als (ehemaliger) Kultregiesseur so zurückentwickeln?

er ist kein schlechterer regisseur als früher, was ihm allerdings fehlt ist der obsessive stoff mit dem ihn einst paul schrader versorgte, daß Ihnen das nicht aufgefallen ist macht Sie nicht gerade zu einem glaubwürdigem kenner seines oeuvres.im übrigen werden die meisten leute denen künstlerische anerkennung noch zu lebzeiten vergönnt ist, im alter ein wenig mild, und vielleicht können Sie sich dann in Ihrem alter an den milden filmen erfreuen. Ihr "unfassbar" deutet hoffentlich darauf hin, daß Sie den neuen bereits gesehen haben und hassen, ansonsten ist es entweder jahrzehnte zu spät, oder vollkommen fehl am platz.

Sie haben eine Meinung zu ihm und wenn man die nicht teilt, ist man nicht "glaubwürdig"? Naja.
Ebenholz hat übrigens recht: Er wird schlechter. Hugo ist zu glatt, ich hatte null Sympathie für die Figuren, weil sie einfach zu blass waren. Ich hatte auch das Gefühl, den Schauspielern wurde in dem ganzen technischen Tamtam verboten, zu spielen - siehe Cohen, der ja sonst großartig ist. Könnte von Spielberg sein.

wenn man den qualitätsunterschied seit schraders abgang nicht bemerkt hat, und jetzt fassungslos ist daß scorsese "mainstream" macht, ist man nicht gerade ein glaubwürdiger kenner seines oeuvres, ja.Ihre verallgemeinerung meiner kritik besticht nicht gerade durch bedachtheit, aber um einem weiteren "naja" vorzubeugen spreche ich Ihnen nicht ab zu anderer gelegenheit eine genauere klinge zu führen ;)
hugo hab ich noch immer nicht gesehen, bin aber in der regel durchaus interessiert mit welchen stillistischen mitteln scorsese auch einem für mich langweiligen inhalt
form verleiht.was die schaupielführung anbelangt sehe ich bis dato keine verschlechterung (max von sydow, ben kingsley in shutter island?!ist ja nicht so lang her)

Naja, ich führe keine Klinge, ich poste in einem Forum. Ich habe die meisten Scorsese-Filme gesehen, würde mich aber nicht als "Kenner" bezeichnen. Hugo ist ungewöhnlich schlecht für "einen Scorsese"; er hat auch ohne Schrader gute Filme gemacht. Ich meinte gar nicht, dass Scorsese seine Schauspieler jüngst nicht in der Hand hat; Departed ist noch ein besseres Beispiel als Shutter Island. Das ist ja das Seltsame: bei Hugo wirkt es, als habe er sie nicht spielen lassen bzw. bis ins letzte Grübchen orchestriert. Vor allem Cohen hat überhaupt keinen Ausdruck gebracht. Ich weiß wirklich nicht, was da schiefgegangen ist, aber es ist schiefgegangen. Machen Sie sich selbst ein Bild.

Selektive Großschreibung

Interessant, Sie scheinen Ebenholz nicht sehr zu schätzen. Das Großschreiben von "Sie" und "Ihnen" bei sonstiger penetranter überflüssiger Kleinschreibung gemahnt an des Antonius "Brutus ist ein ehrenwerter Mann".

:)
Sie täuschen sich, tatsächlich ist es der einzige fall im deutschen bei dem eine kleinschreibung zu mißverständnissen führen kann, weshalb ich es mir angewöhnt habe, persönliche anreden groß zu schreiben.
meine kleinschreibung ist weder penetrant noch überflüssig sondern einfach nur faul - auch mußte ich zu oft schon beim wiederlesen feststellen , daß es meinem druck auf die shifttaste an entschiedenheit gemangelt hat - oder würden Sie Ihre auslassung von beistrichen als penetrant und überflüssig bezeichnen?allerhöchstens in ihrer (Sie merken den unterschied?) abwesenheit gewöhnungsbedürftig.

Stimmt, Mainstream heißt ja immer gleich schlecht.

Sorry...

... du scheinst nicht verstanden zu haben. Scorsese war immer Mainstream. Hohe Qualität, aber Mainstream - is doch nichts schlechtes....

Dann erklären Sie mir mal, was Sie unter Mainstream verstehen! Bin sehr gespannt.

Beim Film jedenfalls

das Material, mit dem die großen Säle in den großen Kinos in den großen Städten bespielt werden. Da gehört Scorsese, ungeachtet seiner vielen avantgardistischen Seiten, seit Taxi Driver dazu.

Die frühen Filme Scorseses wurden meiner Meinung nach nicht für ein Massenpublikum gedreht. Dass diese Filme so gut beim Publikum ankamen, war eher ein "Nebeneffekt". Einkalkulieren konnte man den Erfolg des Low-Budget-Films "Taxi Driver" wahrscheinlich nicht. Heutzutage werden Filme offenbar nur nach dem Geschmack der potenziellen Kunden gedreht, künstlerische Verwirklichung steht im Hintergrund. Hat Scorsese wohl nicht mehr nötig. Womöglich braucht er nur das Geld.

Auch in 2D wunderbar. Herrlicher Film der auf seine eigene Vergangenheit zurückblickt; wobei die britisches Englisch/Paris-Angelegenheit tatsächlich anfangs etwas irritierend war.

wie ist denn butterfield so? ich kenn ihn sonst nur aus merlin. den pyjamafilm hab ich leider noch nicht gesehen.

er steht ja als nächstes als ender wiggin für gavin hood (tsotsi, wolverine) vor der kamera. auf das bin ich besonders gespannt.

@Martin Major

Asa Butterfield ist wieder einmal großartig. Vorher war er es nicht nur im Pyjama-Film, sondern auch im unvergesslichen "Son of Rambow". Beide unbedingt ansehen!
@ Dominik Kamalzadeh: Dass Butterfield in dieser Filmkritik nicht einmal erwähnt wird, ist ein Manko des Artikels.

Gut gemacht.

In 3D ist das ein netter Film, er lebt aber, finde ich, mehr vom 3D als von sonstwas.

Was mich in der Originalfassung etwas irritiert hat, war, daß der Film zwar in Paris spielt, aber sprachlich und überhaupt eigentlich in London spielt. Bis hin zu ein paar Dialekten, das war London. Das paßt nicht zusammen.

Ich nehme an, daß Scorsese mit französischen Schauspielern in Hollywood mit diesem Film kein Leiberl gerissen hätte, ist aber schade.

Ich sah den Film vor kurzem in 2D und habe ihn trotzdem gemocht. Obwohl einige Szenen ganz klar auf den 3D Effekt aufgebaut haben.

Gerade wieder reissen, beim Golden Globe, wahrscheinlich auch bei den Oscars...

...reissen französische Schauspieler in Hollywood JEDES Leiberl. Aber ohne ein bisserl vertrottelten Antiamerikanismus, ohne Hollywood-Bashing geht's halt nicht. Auch wenn's sich hundert mal um faktenfreie Lügen und Proganda-Dreck handelt....

Wo san Sie angrennt?

Vielleicht sollten Sie lesen lernen. Und denken.

Ein Film, der in Buenos Aires spielt und in dem alle Portenos von Niederländern auf Niederländisch gespielt würde, käme vielleicht sogar Ihnen komisch vor.

Die Franzosen haben bei den Golden Globes hauptsächlich abgeräumt, weil es ein STUMMfilm war. Hab ihn übrigens heute abend gesehen, The Artist. Sehr empfehlenswert.

Ja eh...

Ja eh....
ein kleiner Bub hält die Bahnhofsuhren am Laufen
Ja eh...
der Méliès verbringt seinen Lebensabend als anonymer Uhrmacher...
ABER
die Schauspieler sprechen in einem gemalten Paris(!) englisch mit britischem Akzent!
Sowas unrealisitsches!
An Ihnen ist der Zauber des Films, der Zauber der Imagination, des Märchens, des Kinderbuchs aber auch spurlos vorüber gegangen

Ich liebe "Märchenfilme"

sicher ein schöner Film. Sasha Baron Cohen, eine gute Besetzung, hat mir auch schon in Sweeny Todd sehr gefallen.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.