"Es war nicht unser Krieg"

3. September 2002, 17:38
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Die Ex-US-Botschafterin Swanee Hunt lässt in ihrem neuen Buch bosnische Frauen erzählen

Wien - Die ehemalige US-Botschafterin in Wien, Swanee Hunt, hat am Montagabend im Wiener Literaturhaus ihr neues Buch vorgestellt. Es trägt den Titel "Es war nicht unser Krieg" und erzählt die Geschichten von 26 Frauen in den Greueln des Bosnien-Krieges und ihren alltäglichen Leistungen. Das Vorwort schrieb Bill Clinton, der ehemalige US-Präsident, der Hunt als Botschafterin nach Österreich entsandt hatte. Das war 1993, als das Gemetzel im ehemaligen Jugoslawien gerade in vollem Gange war. Hunt lehrt mittlerweile an der "Harvard Kennedy School of Government" in Cambridge.

Viele Bücher über Männer - keines über Frauen

Nach dem Abkommen von Dayton 1995 habe sie viele Bücher über die Geschehnisse der vergangenen Jahre gelesen, erzählte Hunt. Doch alle hätten nur von den Männern gehandelt, "die den Krieg geplant und gekämpft haben". Sie aber wollte die Geschichten von Frauen erzählen, die gelernt hätten, "wie ein Individuum die Welt verändern kann".

Eine von ihnen ist Kada Hotic. Die moslemische Bosniakin war vor den serbischen Truppen nach Srebrenica geflüchtet. Vor dem Krieg lebten in der Stadt etwa 12.000 Menschen, doch als sie ankam, waren rund 40.000 dort. Kadas Mann war einer von rund 7.000 Menschen, die in einem grausamen Massaker ermordet wurden, nachdem Srebrenica von den serbischen Einheiten erobert worden war. Sie habe ihn bereits identifiziert, aber begraben sei er noch immer nicht, schreibt Kada. Aber sie erzählt auch, wie sie und andere Frauen kilometerweit gingen, um an Nahrungsmittel zu gelangen und wie sie mit dreißig Kilogramm schweren Rucksäcken zurück nach Srebrenica mussten.

Besonders hart traf es auch Alma Keco aus Mostar, dem Zentrum der Herzegowina. Sie wurde in einem Lager gefangen gehalten und vergewaltigt. Und in den Vergewaltigungen sieht sie auch einen der wesentlichen Unterschiede zwischen den Rollen von Männern und Frauen in einem solchen Krieg. "Männer haben Angst getötet zu werden", sagt sie, "aber Frauen haben Angst, lebendig gefasst zu werden."

"Bosnien-Krieg war kein religiöser Krieg"

Ungeachtet all dieser Greuel hätten die Frauen versucht, zwischen den ethnischen Gruppen zu vermitteln oder seien trotz Fluchtmöglichkeiten in dem umkämpften Gebiet geblieben. Die in dem Buch beschriebenen Menschen haben unterschiedliche Religionen und unterschiedlichen sozialen Status. Eine Ärztin kommt ebenso zu Wort wie eine Jüdin aus dem Mittelstand Sarajewos und eine ehemalige Parlamentsabgeordnete. Das öffnet den Blick auf die alltäglichen Hindernisse, die Schikanen und Brutalitäten abseits der politischen Taktik der Machthaber. Doch egal, woher die Frauen stammten, in einem Punkt seien sie sich alle einig gewesen: "Der Bosnien-Krieg war kein religiöser Krieg und auch nicht ursächlich ein Konflikt zwischen ethnischen Gruppen". Den Ursprung des Krieges ortet Hunt daher bei der "Gier" der Mächtigen.

Schwierige Situation auf dem Balkan

Heute sei die Situation der Frauen auf dem Balkan weiterhin nicht befriedigend, sagte Hunt. Kurz nach dem Krieg ist viel Geld in die Region geflossen, doch sieben Jahre nach Dayton werden die Finanzhilfen wieder spärlicher. Dies würden auch die Frauenrechtsorganisationen zu spüren bekommen. Außerdem gebe es in den ex-kommunistischen Staaten "keine Tradition freiwilliger Spenden" und "ohne Spenden keine Organisationen", sagte Hunt. Doch gebe es auch positive Entwicklungen. Denn neben all den Problemen gebe es jetzt sehr viele Frauen, die in Organisationen tätig sind und Aufbauarbeit leisten, betont die ehemalige Diplomatin.

Das Buch "Es war nicht unser Krieg" ist bisher nur in bosnischer Sprache herausgegeben worden, doch hofft Hunt, dass bis zu Beginn nächsten Jahres deutsche Übersetzungen vorliegen. (APA)

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