"Eureka": Langsames Erwachen aus dem Trauma

27. Juli 2004, 16:13
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Zwischen Stagnation und Aufbruch: Shinji Aoyamas außergewöhnlicher Film "Eureka"

Wien - Der Akt des Terrors währt kurz; von seinem Ende abgesehen, ist er fast ausgeblendet aus dem Film. Der Hauptteil gilt hingegen dem Trauma der Überlebenden: In einer ländlichen Gegend der japanischen Insel Kyushu wird ein Linienbus gekidnappt; nur zwei Schulkinder und der Fahrer verlassen ihn körperlich unverletzt. Makoto (Koji Yakusho) wird darauf- hin für einige Zeit verschwinden. Als er in den Ort zurückkehrt, leben der Bub und das Mädchen allein in einem verwahrlosten Haus wie in einem Kokon.

Shinji Aoyamas Eureka ist ein Film der Dauer, der Langsamkeit - es benötigt dreieinhalb Stunden in sepiagetöntem Schwarzweiß, bis er mit einer farbigen Einstellung, die die Hoffnung auf Heilung in sich trägt, schließt. Die Erzählung dorthin verläuft vergleichsweise geradlinig - zumal für eine Arbeit des Japaners Aoyama. Die Zeit, die er sich nimmt, verstößt gegen die Standards der Industrie in dem Maße, wie er sein Thema ernsthaft behandelt: Die Dauer fordert einen eigenen Blick auf die Figuren heraus.

Es ist schließlich eine Geschichte der Auflösung. Überleben, demonstriert der Film, ist zunächst eine Bürde. Makoto findet genauso wenig Anschluss an seine Mitmenschen wie die Kinder die ihrigen verloren haben. Eines Tages stehen sie wie zwei stumme Geister im Regen vor ihm, eine stille Aufforderung - Makoto zieht bei ihnen ein, sie formen eine Ersatzgemeinschaft. Aoyama hält Distanz zu ihnen, seine Cinemascope-Kadrierungen versammeln sie in einen Raum, in dem sie mit offenen Augen einer Lethargie nachgeben. Dabei werden sie einander vertraut.

Bewegung kommt allenfalls von außen. Man begegnet sich am Haustor, wo eines Tages Akihiko (Yoichiro Saito), der Cousin der Kinder, steht, mit der Absicht, die Ferien bei ihnen zu verbringen. Eigentlich stammt er aus einem früheren Film Aoyamas (Helpless), ein schnippischer Jugendlicher, der sich integrieren kann, ohne dass er die Bande zwischen den drei versteht.

Dann gibt es noch eine Mordserie an Frauen - die einzige Schwachstelle in Eureka, die etwas zu konstruiert erscheint. Der Verdacht muss auf Makoto fallen, nicht nur wegen ein paar Indizien, sondern weil der Gesellschaft einer, der ihr den Rücken kehrt, suspekt ist. Allerdings interessiert sich der Film dafür nur am Rande - als weiteres Zeichen einer sozialen Zerrüttung. Der Riss in der Gemeinschaft, den Aoyama hier aufzeigt - den man auch als einen im Selbstverständnis der Nation Japans verstehen kann -, setzt er jedoch filmisch um: Er zeigt sich in der Unmöglichkeit zu handeln, die Bilder am Laufen zu halten.

Gegen diese Stagnation hilft nur ein neuer Aufbruch. "Nochmals von vorne beginnen" nennt das Makoto. Vom Tatort aus fahren sie gemeinsam im Bus davon, ohne klares Ziel über die leeren Landschaften der Insel. Erst auf dieser Reise brechen die starren Positionen der Figuren auf, wobei es jedoch zu keinen großen "Entscheidungen" kommt. Vielmehr handelt es sich um eine erste Form von Interaktion, die zur Auseinandersetzung mit sich selbst führt.

Eureka weist seinen Figuren so den Ausweg aus ihrem Trauma in einer beharrlichen Annäherung, die in kleinen Gesten und Beobachtungen lesbar wird. Die Welt, die einem abhanden kommt, ist nur über den langen Weg zum Anderen zurückzuholen - der erste Impuls zur Gegengewalt hilft nichts. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.9.2002)

Von
Dominik Kamalzadeh

Links

acommy.com/eureka
(japanisch)


Filmladen Verleih

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