Donner aus Pjöngjang

30. Juni 2002, 21:45
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Ein Kommentar von André Kunz

Das Gefecht zwischen der nord- und der südkoreanischen Marine im Gelben Meer ist ein schwerer Schlag Südkoreas für Präsident Kim Dae Jungs Sonnenscheinpolitik. Als die beiden Kriegsflotten das letzte Mal im April 1999 Schüsse wechselten, dauerte es dann fast ein Jahr, bis die beiden Seiten wieder miteinander sprachen. Danach reiste Kim Dae Jung im Juni 2000 nach Pjöngjang, und die Welt glaubte, dass ein dauerhafter Friede auf der koreanischen Halbinsel bereits in Griffnähe gerückt sei.

Doch die Weigerung des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Il, einen Gegenbesuch in Seoul terminlich festzulegen, sowie etliche kleinere Zwischenfälle im Vorfeld des jüngsten Schusswechsels ließen die Hoffnungen im Süden dahinschmelzen. Der Diktator in Pjöngjang bleibt ein störrischer und unberechenbarer Gesprächspartner.

Für die Motive hinter der "Provokation" vom Samstag gibt es eine Reihe von Erklärungen. Nordkorea missfiel die Aufmerksamkeit, die der Süden dank der Fußball-WM auf sich zog. Die erfolgreiche Imagekampagne Seouls vollzog sich zu einem Zeitpunkt, zu dem das nordkoreanische Regime wegen der Botschaftsflüchtlinge in China einen herben Gesichtsverlust erlitt. Und obwohl sich Washington gerade für Verhandlungen mit Pjöngjang rüstete, galt das Land als wichtiger Teil der "Achse des Bösen", was in offiziellen nordkoreanischen Augen nichts anderes bedeutet, als Ziel eines präventiven amerikanischen Militärschlages zu sein.

Pjöngjang stand also im Abseits und meldete sich mit gehörigem Kanonendonner zurück. Kim Jong Il realisiert nicht, dass vernünftige Verhandlungen mit dem Süden und der internationalen Gemeinschaft seinem Volk wesentlich mehr helfen könnten. Aber andererseits: Denkt denn ein Mann wie Kim überhaupt an das Wohl seines Volkes? (DER STANDARD, Printausgabe, 1.7.2002)

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