Subtile Selbstverständlichkeit

30. Juni 2002, 19:41
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Nikolaus Harnoncourt mit Pierre-Laurent Aimard bei der "styriarte"

Graz - Das Denken in ganzen Werkgruppen, wie es Nikolaus Harnoncourt in seinen styriarte-Konzerten Ereignis werden lässt, hat auch seinen Mitstreiter Pierre-Laurent Aimard erfasst: Dieses französische Klavierwunder spielt mit ihm alle fünf Klavierkonzerte Beethovens, verteilt auf mehrere Sommer. So wird dem Festival über die jeweiligen Jahresparolen hinaus eine weitere Klammer gegeben.

Aimard ist hier heuer besonders stark vertreten: Außer seiner Interpretation der Konzerte Nr. 4 in G-Dur und Nr. 5 in Es-Dur wird er am Dienstag im Minoritensaal auf dem Feld auftreten, das seinen weltweiten Ruf vor allem begründet hat, auf dem der neuen und neuesten Klaviermusik. Mit den Vingt regards sur l'Enfant Jésus von Landsmann Olivier Messiaen wird er noch eindringlicher als bei Beethoven - dem diesjährigen Motto gemäß - ". . . den Blick nach oben" richten. Ein persönliches Naheverhältnis zum religiösen Mystiker der Musik des vergangenen Jahrhunderts zeichnet ihn aus.

Im nächsten Jahr, dem Grazer Jahr der Kulturhauptstadt Europas, wird er aber unter dem Motto "Die Macht der Musik" den Zyklus der Beethoven-Konzerte abschließen. Beim G-Dur-Werk op. 58 war zu bewundern, wie die selbstverständliche Virtuosität aufging in der Subtilität, mit der dieses lyrische Konzert wiedergegeben wurde. Es ist der sinnstiftende Vorteil solcher zyklischer Aufführungen, dass im Licht der Gesamtheit das jeweils Spezifische deutlicher hervortritt.

Das Sprechende dieses Konzerts, zumal im "Dialog" der Soli mit dem Orchester im zweiten Satz (wo einige Hermeneutiker den am Tor zur Unterwelt Einlass begehrenden Orpheus zu erkennen meinen) war wie neu zu erfahren. Nach der Pause ein Remake: Wie vor einigen Jahren lud Harnoncourt die große C-Dur-Sinfonie Schuberts, die zwei Jahre vor seinem Tod fertig vorlag, zu seinen Lebzeiten aber nie aufgeführt wurde, dynamisch auf, dramatisierte sie in den Ecksätzen, in denen das Chamber Orchestra of Europe seine Posaunen unheilvoll dröhnen ließ.

Es war kein melodisch ausschwingender, sondern straff gespannter Schubert zu hören, einer, der das Klischee vom volksnahen Liederfürsten Lügen strafte. (Manfred Blumauer/DER STANDARD, Printausgabe, 1.7.2002)

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