IT-Firmen holen Aussteiger

30. Juni 2002, 18:48
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Hochspezialisierte Profis müssen sich mit geringeren Gehältern zufrieden geben

Wien - Informationstechnologie-Profis, die in der Vergangenheit den Weg in die Selbstständigkeit eingeschlagen haben, werden wieder mit Freuden von großen Firmen zurückgeholt. Umworben werden freilich lediglich hochqualifizierte Experten. Diesen Trend macht Robert Hotter, oberster Chef der Wiener Informationstechnologie-Firmen (IT) im Gespräch mit dem STANDARD aus. Die derzeitigen Einstiegsgehälter sind jedoch konjunkturbedingt um bis zu 20 Prozent gesunken.

Gleichzeitig reduzieren IT-Firmen ihre bestehenden Personalstände drastisch; nämlich bei jenen "Halbgebildeten", also Leuten mit minderqualifizierter EDV-Ausbildung, die man vorher - ausgelöst durch Goldgräberstimmung sowie irreal überbewertete IT-Börsennotierungen - faktisch auf Vorrat eingestellt hatte, erklärt Hotter.

Spezialkenntnisse

Außerdem werden Mitarbeiter, die nur über wenige ausgesuchte Spezialkenntnisse verfügen, vermehrt gekündigt. Fazit: Erhöhte sich der Personalstand der Branche im Vorjahr noch um zehn Prozent, geht man heuer nur mehr von einem gebremsten zweiprozentigen Zuwachs aus.
Dieser Zuwachs werde vor allem vom Expertenreservoir kleinerer heimischer Technologieanbieter gestellt werden, ist der Branchenvertreter überzeugt. Der immer wieder laut werdende Ruf nach ausländischen Experten werde ungehört verhallen, so Hotter. Für Spezialisten aus anderen EU-Ländern fehle die notwendige (Gehalts-)Motivation zu einem Ortswechsel nach Österreich. Und auch die EU-Erweiterungskandidaten zah- len ihren, dringend vor Ort gebrauchten, IT-Profis bereits Löhne, die um ein Vielfaches über dem dortigen Durchschnittsniveau liegen.

Die eine Zeit lang hektisch ventilierte Idee der "Green-Card-Inder" sei zudem schon in Deutschland gescheitert und werde deshalb in Österreich kaum eine Auflage erfahren. Derzeit bewertet jedenfalls nur mehr ein Drittel der Betriebe die aktuelle Geschäftslage als "gut" (2001: 54 Prozent), vierzehn Prozent schätzen sie als "schlecht" (2001: acht Prozent) ein.

Trotzdem sieht Hotter einen Silberstreif am Horizont, da 26 Prozent die Auftragslage für das nächste Quartal positiv bewerten. Die Stichworte für diesen Optimismus: E-Government, also die elektronische Abwicklung aller Behördenwege, digitale Signatur, das Mobilfunknetz der 3. Generation, UMTS, oder E-Learning und die Notwendigkeit der professionellen Konzeption bei der steigenden Anzahl virtueller Arbeitsplätze.(Monika Bachhofer, Der Standard, Printausgabe, 01.07.2002)

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