Halbe Halbe? Wie wär's mit Ganze Ganze?

30. Juni 2002, 17:58
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Gleichberechtigung ist immer noch Architekturfremdwort

Mars hat zwar Schwestern, Venus Brüder bekommen. Doch Gleichberechtigung ist immer noch Architekturfremdwort.


Schwelgen wir vorab im Rausch der Zitate aus Männermund. Wie wollen sie, die Herren der architektonischen Schöpfungen, ihre Weiblein in Architektur gebettet sehen? Welche Gemächer schweben ihnen vor, wenn sie die Frauen, die Hüterinnen dieser Herde, im Hause untergebracht haben wollen? Beginnen wir mit Leon Battista Alberti, der in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wohlwollend der griechischen Sitte gedachte, das Weibsvolk aus der Öffentlichkeit zu entfernen und in Gebautem wegzusperren. Es gäbe da "bestimmte Teile der Häuser, wo sich die Weiber aufhielten, die auch außer der näheren Verwandtschaft kein Mann betrat." Und Alberti schlussfolgerte zustimmend: "Und in der Tat meine ich, dass sich die Orte, wo sich die Frauen zusammenfinden, nicht anders als die dem Glauben und der Sittenreinheit geweihten gehalten sein sollen, dass man ferner auch den Mädchen und Jungfrauen saubere Zimmer zuweisen solle, damit ihre zarten Gemüter sich in einem derartigen Gemache mit geringerer Abscheu vor sich selbst aufhalten."

Ach, diese zarten Gemüter. Rein ins Haus mit ihnen. Ins von Männern gemachte Haus, versteht sich. Schon Xenophon hatte darauf gepocht: "Gott hat von vorneherein die Natur entsprechend eingerichtet, und zwar, wie mir scheint, die Natur der Frau für die Arbeiten und Beschäftigungen im Inneren des Hauses, die Natur des Mannes für die Arbeiten und Beschäftigungen im Freien." Sigmund Freud wurde geradezu schwärmerisch, als er von den verborgenen tiefenpsychologischen Zusammenhängen zwischen Haus und Frau zu reden und schreiben begann. Das Wohnhaus sei nichts anderes als "ein Ersatz für den Mutterleib, die erste, wahrscheinlich immer noch ersehnte Behausung, in der man sich sicher war und sich so wohl fühlte." Woher wollen Männer eigentlich immer wissen, dass die Föten im Leibe der Mutter stets wunschlos glücklich sind?

Abstand vom "zirkelförmigen Planen"

Im Jahre 1771 propagierte Le Camus de Méziere in seiner Publikation "Von der Übereinstimmung der Baukunst mit unseren Empfindungen" das Runde und Geschwungene im Frauen-Zimmer, dem Boudoir. Nie möge man vom "zirkelförmigen Planen" Abstand nehmen, warnte der Bautheoretiker, denn "diese Form schickt sich für den Charakter dieses Ortes; sie ist der Venus geweihet. Man beachte nur ein schönes Frauenzimmer. Alles an ihr ist zart und sanft abgerundet." Und zu guter Letzt sei die Beschreibung des runden und noch dazu gewölbt eingedeckten "idealen Turmes" als Gelass für das Weiberl von Gaston Bachelard aus dem reichen Fundus der niedergeschriebenen Männervorurteile zitiert: "Welch großes Traumprinzip der Intimität - eine gewölbte Decke! Ohne Ende reflektiert sie die Innerlichkeit in ihrem Zentrum. Man wird nicht erstaunt sein, dass das Turmzimmer die Wohnung eines sanften jungen Mädchens ist und außerdem bewohnt von den Erinnerungen an eine leidenschaftliche Ahnfrau." Sanfte junge Mädchen, die wohl verwahrt im Türmchen zur leidenschaftlichen Ahnfrau reifen. Aha. Aber da war doch noch was? Vielleicht die Meinung der Frauen selbst?

All diese Zitate stammen aus einem gerade erschienenen Buch, dass sich "building gender. Architektur und Geschlecht" nennt, und das sich dem Thema mit großer Anmut und in neun Kapiteln nähert. Architektur, so die fest untermauerte These dieser Publikation zu einer Vortragsreihe an der TU Wien, war immer geschlechtsspezifisch determiniert, und diese architektonischen Mars-Männlichkeiten und Venus-Weiblichkeiten wirken gar nicht so sehr verborgen bis heute nach. Neun Autorinnen und ein Autor haben hier kräftig in der Historie recherchiert, für die Gegenwart sprang nur die Architektin und TU-Wien-Architekturprofessorin Francoise-Hélène Jourda ein, was Hoffnung auf eine ebenso fundierte Nachfolgepublikation zum zeitgenössischen Architektur-Geschlechtergeschehen macht.

Für Menschen bauen

Als sich die Französin vor zwanzig Jahren als Architektin selbständig machte, musste sie sich männliche Partner suchen, denn "es war undenkbar, allein als Frau freiberuflich zu sein". Heute hat sich die Situation extrem gewandelt, fast so viele Frauen wie Männer studieren Architektur, es gibt eine ganze Reihe renommierter Planerinnen, die voll im Beruf stehen. Herauszufinden, wie sich der Einfluss dieser Frauen-Power auf die Architektur bemerkbar macht, wäre ein lohnendes Forschungsprojekt. Sie selbst sei von den feministischen Frauen ihrer Familie dennoch dazu erzogen worden, "eine gute Hausfrau und Mutter" zu werden, sagt Jourda, und das unterscheide sie von männlichen Altersgenossen. Die international erfolgreiche Planerin, die von sich sagt, sie sei "eine Architekt", antwortet auf die Frage, ob man als Architektin heutzutage Mann spielen müsse, um Erfolg zu haben: "Ich versuche nicht, meine weibliche Persönlichkeit zu entwickeln, sondern eher die weibliche Persönlichkeit der Männer. Die Männer müssen die Weiblichkeit in sich akzeptieren, so wie ich auch meinen männlichen Charakter akzeptiere, dann haben wir nur noch Menschen als Architekten." Das ist natürlich eine schöne, quasi hehre Vorstellung: Menschen, die für Menschen bauen, abseits geschlechtsspezifischer Hierarchien.

(Ute Woltron, DER STANDARD, Print, 29./30.06.2002)

Buch

Dörte Kuhlmann und Kari Jormakka (Hg.), building gender. Architektur und Geschlecht. Beiträge von A. Bergren, S. Plakolm-Forsthuber, A.-K. Rossberg, E. Blimlinger, D. Hammer-Tugendhat, M. Marquet, F.-H. Jourda. EURO 19,20/218 Seiten, edition selene, Wien 2002.
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