Gelegenheitsphilosoph und Grenzgänger

30. Juni 2002, 17:49
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Am 12. Juli wäre Günther Anders 100 Jahre alt geworden

Glossen, Aphorismen, Paraphrasen, Romane und akademisch untaugliche Essays – Günther Anders, der Grenzgänger zwischen Theorie, Schriftstellerei und politischem Engagement bietet mit seinen paradox zugespitzten Thesen keinen leichten Zugang. Überheblich bis monomanisch im Gestus, sperrig im Stil, verbissen in der Argumentation und voll maßloser Übertreibung in der Zeitdiagnose, presst er einer sich der technischen Hybris unterwerfenden Kultur einige Wahrheiten ab. Dabei entsteht der Ansatz zu einer Philosophie der Technik, die den Triumph der Apparatewelt illusionslos nachzeichnet, und das heißt: ohne Versprechen einer Rückkehr zur Menschlichkeit. Ein Autor, dessen Qualität sich gerade in einer Mischung von Beobachtung und Kritik entfaltet, einer, der nicht mehr nur Theoretiker sein wollte, der den theoretischen Anspruch beim Schreiben aber auch nie aufgegeben hat. Verfasst in einer Epoche, in der neue Technologien gerade begonnen haben, als Massenmedien in den Alltag einzudringen, gilt seine Kritik nicht sosehr einer überbordenden Monstrosität der Technik, sondern dem menschlichen Unvermögen, darauf anders als mit einer gespenstischen Kompensationsmaschinerie (Fun & Sport) zu reagieren.

Anders stellt der Philosophie ein denkbar schlechtes Zeugnis aus: sie hat es nicht geschafft, auf die Herausforderungen ihrer Zeit zu reagieren, suhlt sich vielmehr selbstzufrieden in einer Welt klassischer Texte. Noch in ihrer Selbstüberbietung gerät Philosophie zu einer anderen Tätigkeit, zur Heilsbringung in fataler Nähe zur nationalsozialistischen Geschichtsmetaphysik. Vor allem Heidegger und dessen Anhängern gilt die teils in Häme umschlagende Kritik, wie jetzt die Nachlasstexte offenbaren, in denen er mit dieser "Selbsterhitzung des Eigentlichwerdens" gnadenlos abrechnet.

Wichtiger philosophischer Drehpunkt

Obwohl, oder gerade weil Anders dem näher stand als er zugeben mochte; das Studium bei Husserl und Heidegger hinterließ Spuren. Für die Phänomenologie als eine zentrale Denkbewegung des zwanzigsten Jahrhunderts, die von Husserl ausgehend zur Medientheorie Vilém Flussers führt, sollte sich bei Günther Anders ein wichtiger philosophischer Drehpunkt herauskristallisieren: wie Technik und Medien die Ästhetik der menschlichen Existenz beeinflussen.

Die Lebensgeschichte des Günther Anders entfaltete sich unter keinem guten Stern. Geboren als Kind eines Wissenschaftler-Ehepaares, werden er und seine beiden Schwestern von den Eltern, den Entwicklungpsychologen Clara und William Stern, als Forschungsobjekte missbraucht. Eine eigene wissenschaftliche Karriere deutet sich später an, musste aber an den Umständen scheitern. Zwar erfolgte eine Promotion beim berühmten Husserl, doch Heidegger fand keinen Gefallen an diesem Studenten, eher schon dessen enttäuschte Geliebte Hannah Arendt, die dann Anders geheiratet hat.

Wie es in den "Übertreibungen in Richtung Wahrheit" über jene Zeit heißt: Als Jude Philosoph zu sein, war kein Kunststück. Keiner zu sein wäre fast ein größeres. Versuche zur weiteren akademischen Positionierung scheitern jedoch. Es folgt die Emigration nach den USA, und der damit verbundene Kulturschock zieht sich durch seine weiteren Schriften. In den ersten Nachkriegsjahren lehrt Anders Ästhetik an der "New School for Social Research" in New York, bevor er 1950 Wien zur Wahlheimat nimmt. Hier wird er seine Aufzeichnung zur Publikation vorbereiten, sie erschienen 1956 in einem ersten, 1980 in einem zweiten Band über "Die Antiquiertheit des Menschen".

Arendt über Anders

Als Anders die längst von ihm geschiedene Hannah Arendt um 1960 wiedertrifft, schreibt diese über ihn: "Er denkt an nichts anderes als seinen Ruhm, völlig unbekümmert, leicht verrückt, ... außer aller Realität lebend, alles mit einem Klischee bezeichnend ..." Ein Außenseiter par excellence, was ihn zur Kulturkritik geradezu prädestiniert. Dass der moderne Mensch sich nach den Bedürfnissen der Technik ausrichtet, statt umgekehrt, lautet die zentrale These. Die Kritik wird immer politischer, thematisiert die globale atomare Bedrohung, reflektiert die Weltraumfahrt und engagiert sich gegen den Vietnam-Krieg.

Was der Mensch herstellt, übertrifft ihn, er hat keine wirkliche Vorstellung mehr von seinen Produkten – über banales Moralisieren hinausgehend, wollte Anders auf dieses grundlegende "Gefälle" aufmerksam machen. Der Mensch ist antiquiert, zum Objekt einer Technik geworden, vor der es kein souveränes Subjekt mehr gibt, sondern nur mehr "Human Engineering". Die Möglichkeiten und Grenzen seiner Technik bestimmen den menschlichen Handlungsspielraum.

Dass mit den Medien und ihrer neuen Form der Wirklichkeitserfahrung die alte Ontologie von Sein und Schein ins Wanken gerät, hat Anders als einer der ersten erkannt und am Beispiel des Fernsehens dechiffriert. Die philosophischen Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen aus dem ersten Band der "Antiquiertheit" sind es, die fortgesetzte Beachtung verdienen: nirgends vollzieht sich die Adaption des Menschen an die Welt der Apparate so augenfällig wie im Bereich der Medien, nach deren Diktat die gesamte Lebenswelt ausgerichtet ist.

Allerdings wäre es eine arge Unterbietung, in dieser Philosophie das Ausspielen eines Menschlichen gegen die Technik herauszulesen; wusste sie doch zu genau, dass der Mensch ohne seine Geste der Technik nicht Mensch geworden wäre. Deshalb ist Anders ein spannender Philosoph geblieben, weil er aufgezeigt hat, welche Fragen die fortgeschrittenen Technologien aufwerfen, während allgemein fest daran geglaubt wird, sie seien schon die Antwort.

(Frank Hartmann, DER STANDARD, Print, 29./30.06.2002)

Bücher

Konrad Paul Liessmann, Günther Anders. 20,50/208 Seiten. Beck, München 2002.


Günther Anders, Über Heidegger. Hg. von Gerhard Oberschlick. EURO 35,90/ 488 Seiten. Beck, München 2002.


Günther Anders, Übertreibungen in Richtung Wahrheit. Stenogramme, Glossen, Aphorismen. Hg. von Ludger Lütkehaus. EURO 10,20/184 Seiten. Beck, München 2002.


Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. 2 Bände, je EURO 13,30/ ca. 800 Seiten. Klampen-Verlag, Lüneburg 2002.
(Band 1)
(Band 2)

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