800 Jahre unter fremden Herren

20. Oktober 2003, 12:35
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Letten und Esten wurden in Kreuzzügen unterworfen, noch ehe sie zu eigener Staatlichkeit gefunden hatten. Dauernde Herren im Lande blieben - ob unter dem Ritterorden, den Schweden, den Polen oder Russen - die deutschbaltischen Barone.

Die finnisch-ugrischen und baltischen Stämme im Ostseeraum hatten mit Ausnahme der Litauer im 12. Jahrhundert noch zu keiner staatlichen Einigung gefunden und hingen noch ihrem alten Götterglauben an. In ihm hatten sich bei den Balten die alteuropäischen Göttinnen mit den indoeuropäischen Göttern vermischt, die Welt war für sie von zahllosen mythischen Wesen bewohnt (die im Volksglauben bis weit in die Neuzeit hinein lebendig blieben).

Die Gesellschaft war in Stammesfürsten, freie Bauern und Sklaven gegliedert. Das Land war nur dünn besiedelt. Feudale Ordnungen wie im übrigen Europa hatten sich noch nicht entwickelt. So wurden die Vorfahren der heutigen Letten und Esten für Jahrhunderte zu Objekten der Geschichte, um ihre Länder führten Deutsche, Polen, Dänen, Schweden und Russen immer wieder Krieg.

Das Gebiet des heutigen Lettland wurde im Mittelalter von vier baltischen Hauptstämmen bewohnt: den Kuren an der Ostseeküste, von dem nach ihnen benannten Haff bis zur Rigaer Bucht, den Semgallern südlich der Dünamündung, den Seloniern am Südufer der mittleren Düna und den Lettgallern nördlich der Düna. An der Küste der Rigaer Bucht saßen die ostseefinnischen Liven, ebenso an der Nordspitze von Kurland (wo es heute noch eine winzige livische Minderheit gibt). Die Assimilierung der Liven trug, so die Sprachforschung, zur Differenzierung des Lettischen vom Litauischen bei. Die Tatsache, dass unter anderen die Wörter für Schwester, Tochter, Schwiegertochter bei den Liven baltische Lehnwörter sind, erlaubt den Schluss, dass es bei den häufigen Mischheiraten die lettischen Mütter waren, die ihre Sprache den Kindern weitergaben.

Durch Handel und durch Krieg kamen die kurischen Küstenbewohner mit den Bewohnern der westlichen Ostseeküsten in Berührung. Die Sagas berichten schon aus dem 8. und 9. Jahrhundert über Kämpfe zwischen dänischen Wikingern und den Kuren und Semgallern.

Mit den nach 1100 aufblühenden deutschen Hafenstädten, vor allem mit Lübeck, entwickelte sich ein lebhafter Handel. Mit den Kaufleuten kamen die ersten Missionare an die Küsten der Rigaer Bucht. Die deutschen Missionsbischöfe waren nicht unbedingt Männer des Friedens: bald begannen sie, den kurischen und livischen Heiden das Taufwasser gewaltsam aufzuzwingen, um so das Land, das sie sich aneigneten, beherrschen zu können.

Der Bremer Domherr Albert von Buxhoeveden, zur Christianisierung Livlands geweiht, segelte mit einem Kreuzfahrerheer an die Dünamündung und gründete dort die Stadt Riga. Der Ritterorden der Schwertbrüder wurde gestiftet (1202), Kurland, Livland und schließlich in blutigen Kämpfen Estland wurden unterworfen. Der Bischof von Riga hatte sich freilich mit dem Orden Konkurrenz ins Land geholt und musste diesem Teile des eroberten Gebiets überlassen.

Nachdem die Litauer den Schwertbrüdern eine schwere Niederlage beigebracht hatten, verfügte der Papst deren Unterstellung unter den gegen die Russen erfolgreichen Deutschen Ritterorden. Der Erzbischof von Riga und die Bischöfe wurden Reichsfürsten, der "Livländische Bund" war eine lose Verbindung der diversen geistlichen Gebiete, die zum Heiligen Römischen Reich gerechnet wurden. Die Ritter erhielten als Vasallen erbliche Güter - sie bildeten die Grundlage des deutschbaltischen Adels, der seine lettischen und estnischen Untertanen zu unfreien Bauern machte.

Die Kuren gingen allmählich in den Letten auf. Einige wenige von ihnen blieben Freibauern und hatten als "Kurische Könige" in sieben Dörfern auch noch unter russischer Herrschaft bis 1854 Privilegien wie Jagdrecht, Befreiung von Abgaben und vom Wehrdienst. Sie behaupteten, von kurischen Fürsten abzustammen, und heirateten nur untereinander. Ansonsten blieb von den Kuren nur der Landesname erhalten.

(DER STANDARD, Print, 29./30.06.2002)

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