Das versunkene Pompeji

30. Juni 2002, 17:14
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Faszinierende Zeugen des Römischen Reiches in Italien zu bestaunen

In den phlegräischen Feldern ("Brennende Felder"), nur 10 km westlich von Neapel, kann man seit 22. Juni zwei neue, faszinierende Zeugen des Römischen Reiches bestaunen: die im Meer versunkene Stadt Baia und die unterirdischen Ausgrabungen von Rione Terra in Pozzuoli.


Baia: heute ein pittoreskes Städtchen am äußersten Rand des Golfs von Neapel. Das Boot liegt nur wenige Hundert Meter vom Ufer entfernt vor Anker. Durch seinen Glasboden kann man schemenhaft dunkle Umrisse am Meeresgrund erkennen.

Taucher mit Kameraausrüstung lassen sich ins Wasser fallen und projizieren die ersten Bilder auf den im Boot befindlichen Monitor - zuerst nur unscharfe Konturen, dann aber schwebt der Taucher plötzlich inmitten von algenbewachsenen Mauerresten, Säulen und prächtigen, vom Meeressand bedeckten Mosaiken: Das ist das antike Baiae, im 2. Jahrhundert n. Chr. eine der nobelsten und reichsten Städte des gesamten Römischen Reiches.

Überreste unter der Meeresoberfläche

Zu den illustren Namen ihrer Bewohner zählen Kaiser Nero oder Lucius Pisone, der Schwiegervater von Gaius Julius Caesar. Heute liegen die Überreste dieser römischen Stadt unter der Meeresoberfläche, in einer Tiefe von zwei bis zwölf Metern.

Das vulkanische Phänomen Bradisismus, das den Erdboden in diesem geologisch sehr unruhigen Gebiet im Laufe der Jahre und Jahrhunderte langsam anhob und wieder absenkte, schuf auf diese Weise einen einzigartigen archäologischen Unterwasserpark.

500 Meter Küste und 80.000 Quadratmeter Meeresgrund sind heute geschützt und wurden für die Dauer von vier Jahren einem privaten Konsortium übergeben. Zu dessen Aufgaben zählen nun die Erhaltung, Restaurierung und weitere Erforschung dieses versunkenen Pompeji. Außerdem sollen den Touristen noch bessere Besichtigungsmöglichkeiten geboten werden, etwa durch Einsatz eines Heißluftballons, mit dem die Unterwasserstadt aus der Vogelperspektive bewundert werden kann.

Puteoli - die Stinkende

Szenenwechsel. Wenige Kilometer Richtung Osten, der Küstenlinie des Golfs von Neapel folgend, liegt Pozzuoli, das antike Puteoli, was so viel bedeutet wie "die Stinkende" - ein Name, den die Stadt dem allgegenwärtigen Schwefelgeruch verdankt.

Puteoli wurde, wie auch die Millionenmetropole Neapel, von griechischen Siedlern gegründet und entwickelte sich unter den Römern zu einer der bedeutendsten Städte des römischen Reiches, was es vor allem seinem Handelshafen zu verdanken hatte, der vor Ostia der Haupthafen der Stadt Rom war.

Der neu eröffnete unterirdische archäologische Park von Rione Terra erstreckt sich über eine Fläche von mehr als zwei Quadratkilometern und liegt unter dem Niveau der von den Spaniern erbauten neuen Stadt auf einem kleinen Hügel, der die Akropolis des römischen Puteoli darstellt.

Vom gleißenden Sonnenlicht der Piazzetta geblendet, betritt man eine erstaunlich gut erhaltene, antike römische Stadt. Der Weg führt vorbei an intakten Tabernae, einer Art von antiken Osterien, Horrea (Lagerräumen), dem Pistrinum (dem Bäcker) - und auch Begräbnisstätten.

Gut lässt sich auch die rechtwinkelige Anordnung des Straßennetzes erkennen: die Decumani in Ost-West-Ausrichtung und Cardini, die von Norden nach Süden führen. Durch die modernen Glasstege und transparenten Treppen eröffnen sich immer wieder eindrucksvolle Blicke auf die rötlich-gelben Ziegel-und Tuffsteinmauern, auf eine von warmem Licht beleuchtete antike Stadt.

(Doris Riegelnegg, DER STANDARD, Print, 29./30.06.2002)

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