Analysten: Insolvenz könnte WorldCom Investoren bringen

29. Juni 2002, 11:42
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Wertvolle Telekommunikationsnetze - aber ohne Konkurs keine Käufer

Ohne den Gang zum Konkursrichter wird der angeschlagene US-Telekom-Anbieter WorldCom Analysten zufolge kaum neue Investoren finden. Der Konzern verhandelt nach Angaben von Unternehmenschef John Sidgmore derzeit mit seinen Banken über neue Kreditlinien. Es gebe wohl Interessenten für einzelne Unternehmensteile, sagte ein Mitarbeiter einer Investmentbank, der ungenannt bleiben wollte. Doch es werde niemand kaufen, solange das hoch verschuldete Unternehmen nicht Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des US-Konkursgesetzes beantragt habe. Mehrere US-Parlamentsausschüsse und die US-Börsenaufsicht SEC untersuchen die von WorldCom eingestandenen Milliarden-Fehlbuchungen, die Mitte der Woche an den Aktienmärkten weltweit für Kursturbulenzen gesorgt hatten.

Ein wertvolles Telekommunikationsnetz

Obwohl der WorldCom-Konzern Experten zufolge über eines der wertvollsten Telekommunikationsnetze weltweit verfügt, könnte es schwierig werden, dieses vor Klärung aller rechtlichen Fragen rund um die Bilanzmanipulationen zu verkaufen. Dies könne wohl am Besten im Rahmen eines Insolvenzverfahrens geschehen, sagte ein Investmentbanker. WorldCom braucht Mittel für laufende Ausgaben und Zinszahlungen auf Verbindlichkeiten im Volumen von insgesamt rund 30 Milliarden Dollar. In bankennahen Kreisen hatte es geheißen, Gespräche über neue Finanzierungen im Volumen von fünf Milliarden Dollar seien offenbar geplatzt. Die WorldCom-Aktien waren nach dem Eingeständnis der Fehlbuchungen außerbörslich um mehr als 80 Prozent eingebrochen und sind seither vom Handel ausgesetzt.

In einem Brief an US-Präsident George W. Bush äußerte sich der neue WorldCom-Chef Sidgmore "überrascht und empört" über die Bilanzierungsunregelmäßigkeiten, die das Unternehmen in den Konkurs treiben könnten. WorldCom stehe in engen Konsultationen mit seinen Banken, um zusätzliche Kreditlinien zu sichern, um die Zinsen für seine Schulden bezahlen zu können, schrieb Sidgmore, der erst seit etwa zwei Monaten im Amt ist. Zugleich bekräftigte er, die Verpflichtung des Unternehmens zur Zusammenarbeit mit allen zuständigen Behörden bei der Prüfung dieses schwerwiegenden Falles.

Aus Branchenkreisen hieß es, WorldCom habe bereits vor einigen Tagen mit der Investmentbank Blackstone Group einen Restrukturierungsexperten engagiert sowie die auf Konkursrecht spezialisierte Anwaltskanzlei Weil Gotshal & Manges eingeschaltet. WorldCom hatte Mitte der Woche die Finanzmärkte mit der Mitteilung schockiert, statt Verlusten seien wegen falsch verbuchter laufender Kosten im abgelaufenen Geschäftsjahr und im ersten Quartal dieses Jahres unberechtigterweise Gewinne ausgewiesen worden.

Im US-Repräsentantenhause

Spitzenmanager von WorldCom sollen am 8. Juli vor dem für Finanzdienstleistungen zuständigen Ausschuss des US-Repräsentantenhauses aussagen. Entsprechende Vorladungen unterzeichnete Ausschuss-Vorsitzender Michael Oxley. Neben Konzernchef Sidgmore und seinem Vorgänger Bernie Ebbers sollen sich auch der am Dienstag entlassene Finanzchef Scott Sullivan und Analyst Jack Grubman von Salomon Smith Barney den Fragen der Abgeordneten stellen. Grubman hatte die WorldCom-Aktien einen Tag vor der Mitteilung über die Fehlbuchungen auf "Underperform" heruntergestuft.

Auch der Energie- und Handels-Ausschuss des Repräsentantenhauses, der bereits die Bilanzunregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit dem Konkurs des Energiehändlers Enron untersucht, forderte bei WorldCom eine Vielzahl von Dokumenten an. Dazu zählen unter anderem die internen Buchprüfungsberichte sowie die zugehörigen Protokolle. Zuvor hatte bereits die SEC in New York eine Betrugsklage gegen WorldCom eingereicht mit der Begründung, WorldCom habe Gewinne manipuliert, um so die Erwartungen der Finanzmärkte zu erfüllen. (APA/Reuters)

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