US-Botschafter versucht Wahl zu beeinflussen

29. Juni 2002, 15:58
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Wahlgericht wirft dem Diplomaten Verfassungsbruch vor - Rocha warnte vor Sieg des sozialistischen Kokabauern Evo Morales (Bild)

La Paz - Das bolivianische Wahlgericht (CNE) hat den US-Botschafter in La Paz wegen Einmischung in nationale Angelegenheiten und Verstoßes gegen die Verfassung des Landes verwarnt. Laut Medienberichten vom Freitag forderten die Richter das bolivianische Außenministerium in einem Schreiben auf, gegenüber der US-Vertretung deutlich zu machen, dass ein derartiges Verhalten künftig zu unterbleiben habe. Das Gremium wirft dem Botschafter Manuel Rocha vor, mit einer indirekten Drohung kurz vor den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am kommenden Sonntag die "sozialen Spannungen" in Bolivien zu verschärfen.

Rocha hatte am Mittwoch davor gewarnt, bei der Präsidentschaftswahl für einen sozialistischen Kokabauern zu stimmen. Sollten Befürworter von Kokainexporten den Urnengang am Sonntag gewinnen, dann werde damit die US-Unterstützung für das bolivianische Anti-Drogen-Programm gefährdet. Der prominente Kokabauer Evo Morales, den Rocha nicht namentlich nannte, tritt als einziger Vertreter der Ureinwohner Boliviens bei der Präsidentschaftswahl an. Die Ureinwohner stellen die Mehrheit der Bevölkerung des südamerikanischen Landes.

Morales von der Bewegung für den Sozialismus (MAS) wurde international bekannt, als er einen Massenprotest der Kokabauern anführte. In den Umfragen lag er bisher auf Platz vier. Beobachter rechnen damit, dass der Streit um den US-Botschafter Morales zusätzliche Stimmen bringen wird. Er selbst sagte, Rocha sei sein "bester Wahlkampfhelfer".

Washington unterstützt Bolivien im Anti-Drogen-Kampf mit einer jährlichen Finanzspritze von mehr als 100 Millionen Dollar (101,8 Mill. Euro). Mit dem Geld wurden seit 1998 54.000 Hektar Kokapflanzen zerstört. Die Kokabauern werfen der Regierung vor, mit der Vernichtungsaktion ihre Lebensgrundlage zu zerstören und Hunger und Armut den Weg zu bereiten. Durch die Regierungskampagne wurde der Bestand an Koka-Pflanzungen drastisch reduziert. (APA)

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