Um zwei Uhr eingetroffen, um drei Römer geworden

28. Juni 2002, 20:33
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Zum ersten Mal veröffentlichtes Material zeigt Sigmund Freud als begeisterten Reisenden

Sigmund Freuds Reisebriefe an seine Lieben - das klingt etwa so spannend wie Franz Kafkas Büroschriften, die tatsächlich publiziert wurden. Doch diese Skepsis ist vollkommen unangebracht, auch wenn die Briefe nur wenig Einsicht in die im Vorwort brillant erklärten Zusammenhänge zwischen Psychoanalyse, Archäologie und Reisen bringen. Man wird, trotz vieler Hinweise des Berliner Freud-Spezialisten Christfried Tögel auf die Chronologie der Forschung, in der Freuds Sommerexplorationen stehen, kaum explizite Aussagen zur Bedeutung dieser Reisen für die Entwicklung der Psychoanalyse finden. Zumindest nicht in diesen Briefen, die vornehmlich an Ehefrau Martha adressiert sind, die "Geliebte Alte", die an diesen Reisen kaum Anteil hatte - bevorzugter weiblicher Reisepartner Freuds war seine Schwägerin Minna Bernays. Die hin und wieder in Fußnoten berücksichtigte Korrespondenz mit Kollegen, freilich meist schon publiziert, scheint wissenschaftsgeschichtlich ungleich interessanter zu sein, wie etwa die folgende Passage an den Berliner Arzt Wilhelm Fließ: "Man labt sich an fremdartiger Schönheit und riesenhaftem Schöpfungsdrang, dabei kommt auch meine Neigung fürs Fratzenhafte, Pervers-Psychische auf ihre Rechnung."

Den Herausgebern der Briefe aus Italien, Südtirol, Griechenland, den Niederlanden, England und den USA hingegen geht es, wie im Nachwort schlüssig erläutert, um das Reisen als weitgehend zweckfreie, "hedonistische" Aktivität. Die Briefe gewähren faszinierenden Einblick in eine Persönlichkeit, die sich intensiv von Neuem überwältigen lassen und Fremdes schätzen konnte. Insbesondere Italien hat es diesem Reisenden angetan und seine Briefe aus dem Süden bestechen durch ihre Mischung aus reflektierter Informiertheit (Freud bereitete seine meist im Anschluss an die familiären Sommerfrischen unternommenen Reisen mit forscherischer Sorgfalt vor) und spontaner, alles überflutender Begeisterung. Wohl selten hat ein Mensch sich so intensiv und so voller Überschwang fremden Kulturen ergeben: Venedig versetzt ihn in "Taumel", in Rom fühlt er sich sofort zu Hause: "Nach 2h in Rom eingetroffen, um 3h nach Bad umgekleidet und Römer geworden." 1912 schreibt er enthusiastisch nach Wien: "Mein Altersplan steht fest; nicht Cottage, sondern Rom."

Einen Sonderfall bildet die fünfwöchige Reise in die Vereinigten Staaten im Jahr 1909, nicht nur, weil sie durch Vorträge und persönliche Treffen das Netzwerk der Psychoanalyse in den Vereinigten Staaten erweitern helfen sollte und weitgehend offiziellen Charakter trug. Zwar bestätigt die Korrespondenz nicht Freuds häufig kolportierte negative Einstellung gegenüber den USA, alles in allem überwiegt jedoch die verwunderte Ambivalenz, die an so viele naive Amerikareisende der Zeit erinnert. Er resümiert: "Amerika war eine tolle Maschine. Ich bin sehr froh, daß ich heraus bin u noch mehr, daß ich nicht dort bleiben muß." Erstaunlich, gerade im Zeitalter von E-Mail, die Dichte und Sprache dieser Kommunikation. Häufig schreibt Freud mehrmals pro Tag, kurze, stakkatoartige Texte in Briefen und Ansichtskarten, oft mit genauer Zeitangabe, dazwischen werden Telegramme gesendet und postlagernde Sendungen abgeholt. So entspinnt sich ein intensiver Dialog mit den Daheimgebliebenen, die dem Reisenden helfen, seine Reiseerfahrungen zu verarbeiten.

Dass wir Freuds Spuren vor allem in Italien und Griechenland rund ein Jahrhundert später so genau nachvollziehen können, ist vor allem der überaus präzisen Edition zu danken. Christfried Tögel, der dem Briefeschreiber tatsächlich nachgereist ist, dokumentiert den Blick Freuds aus seinen Hotelzimmern, seine Wege quer durch Städte und Landschaften und mithilfe von "Cook's Welt-Reise-Zeitung" informiert er sogar über die genauen Ankunfts- und Abreisezeiten der Züge. Dies ergibt nicht nur eine Fülle von Information, sondern auch eine fast sinnlich faßbare Unmittelbarkeit. Das Buch ist ein Reiseführer der besonderen Art, lädt ein, auf den Spuren "Sigis" Italien zu entdecken, seine Kunstschätze, Baudenkmäler, Speisen ("man wird so materiell") und Weine. Vor allem die Weine, rote wie weiße, die auch die Triebe, schamhaft angedeutet, zu ihrem Recht kommen lassen: "Man ist auch immer ein bißchen - vom Wein."

(Walter Grünzweig/DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So., 28.6.2002)

Sigmund Freud, Unser Herz zeigt nach dem Süden. Reisebriefe 1895-1923. Herausgegeben von Christfried Tögel und Michael Molnar. EURO 25,70/ 422 Seiten. Berlin, Aufbau, 2002.
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