Die Republik und der Islam

28. Juni 2002, 20:29
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Eine schwierige Familienstory

Die Wahlen dieses Jahres und vor allem der Erfolg des Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen haben eine deutliche Sprache gesprochen: Das Modell des französischen Republikanismus steht unter Stress, die Integrationskraft eines Modells, das jedermann die Möglichkeit eröffnet, zum französischen Bürger zu werden, so ferne er sich nur zur Nation bekennt und ihre Spielregeln akzeptiert, hat offenbar an Wirksamkeit verloren. Die Kinderpsychiaterin Anne Révah-Lévy und der Journalist Maurice Szafran (Marianne) gehen in ihrer Untersuchung über das Unbehagen in der Republik von einem Ereignis des vergangenen Herbstes aus, das die französische Öffentlichkeit ins Mark getroffen hat: Bei einem Fußballmatch Frankreich-Algerien am 6. Oktober begannen zehntausende junge Franzosen maghrebinischer Herkunft beim Spielstand 4 zu 1 für Frankreich die Marseillaise auszubuhen, und manche gingen sogar so weit, Osama Bin Laden in Sprechchören hochleben zu lassen.

Publizistische Lawine Das Match und sein schockierendes Ende traten im vergangenen Herbst, als noch die ganze Welt frisch unter dem Eindruck der Attentate vom 11. September stand, eine mächtige publizistische Lawine los, in der Fragen wie die der grundsätzlichen Integrierbarkeit der "Beurs", also der arabischstämmigen Franzosen der zweiten oder dritten Generation in das altehrwürdige Gehäuse der französischen Nation detailliert erörtert wurden. Für Frankreich war diese Debatte ein Déja vu: Schon ein gutes Jahrzehnt früher hatte die so genannte Kopftuch-Affäre den Gegensatz von laizistischer Staatsverfassung und Religionsfreiheit, die die Frage der Integration von einer anderen Seite her beleuchtete, in voller Intensität aufbrechen lassen.

Révah-Lévy und Szafran wenden sich ihrem Buch ausführlich den einzelnen Komponenten zu, die der Idee der Republik zugrunde liegen. Sie befassen sich etwa mit einem Schulwesen, das seinem gesellschaftsformenden Anspruch immer weniger Genüge tun kann, und kommen zum Schluss, dass jene, "die die Rückkehr zu den mythischen Idealen des 19. Jahrhunderts" als Heilmittel propagierten - Schule als von eine von allen religiösen und gesellschaftlichen Partikularismen abgeschottete Domäne, in der die Kinder zum reinen, universalistischen Franzosentum erzogen werden - zwar einem respektablen Ideal huldigten. Dennoch begingen diese Hohepriester des reinen Republikanismus den Fehler, die Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung zu unterschätzen und das Heil ausschließlich in der Vergangenheit zu suchen.

Freilich steht die Schule vor allem dort unter Druck, wo sie sich fundamentalistischen Strömungen ausgesetzt sieht. Zwischen einem "Islam des Zorns" und der Republik, meinen die Autoren, könne es in der Tat keine Aussöhnung geben. Die Autoren glauben aber auch einen "ernsthaften, spirituellen und im wesentlichen apolitischen" Islam in Frankreich orten zu können, der in keinerlei grundlegendem Widerspruch zur französischen Identität steht.

Einfühlsam versuchen Révah-Lévy/Szafran, den mühseligen und vielfach bedrohten Integrationsprozess aus der Perspektive der Jugendlichen zu beschreiben, die ihn oft als Bestandteil von deprimierenden Familiengeschichten erleben. Häufig empfinden die jungen Franzosen ihre Einordnung in die Republik als frustrierende Abfolge von Verboten und Grenzziehungen, die dann die Zuflucht in fundamentalistische Milieus ("Weder Algerier, noch Franzose, sondern Muslim") als attraktiven Ausweg erscheinen lässt. Hier, meinen die Autoren, müsse die Republik alles daran setzen, um einen der Adoleszenz vergleichbaren Reifungsprozess zu ermöglichen, der es des jungen Menschen erlaubt, sich sukzessive von ihren Herkunftsländern abzulösen und eine neue Heimat zu finden. So interessant dieser Gedanke für sich genommen sein mag, Details, wie er umzusetzen wäre, bleiben die Autoren allerdings leider schuldig.

(Christoph Winder/DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So., 28.6.2002)

Anne Révah-Lévy, Maurice Szafran, Malaise dans la République. Intégration et Desintégration. 190 Seiten, 17 Euro, Plon, Paris 2002. red.
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