So brachte man uns um die WM

28. Juni 2002, 19:56
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Das "Regime der Pfeifen" hatte das Schicksal der Verlierer schon besiegelt, ehe die WM begann. Österreich musste einfach stolpern: über die Korruption, die Globalisierung, die Ausbeutung und die Schönheit - Eine Abrechnung von Peter Pilz

Das Böse ist weltweit auf dem Vormarsch. Das wird morgen durch den Umstand, dass Deutschland Fußballweltmeister wird, einmal mehr bewiesen. Herbert Prohaska hat zu dieser Weltmeisterschaft alles, was wir ohnehin wissen, gesagt. Daher möchte ich mich mit den verborgenen Hintergründen befassen, die uns die Antwort auf die eine Frage erleichtern: Warum hat man uns diese Wochen, auf die wir uns vier Jahre lang gefreut haben, genommen? Aufs Erste habe ich vier Gründe gefunden: Korruption, Globalisierung, Ausbeutung und Schönheit.

FIFA-Präsident Joseph Blatter gilt als korrupter Mann. Als sich sein Stellvertreter gegen ihn wandte und aus den Hinterzimmern und Hotels berichtete, galt einer naiven Fußballwelt Blatter als erledigt. Wenige Wochen später war der Präsident mit großer Mehrheit bestätigt worden.

Erst in der Zwischenrunde wurde klar, was geschehen war: Blatter hatte allen ein Stück WM versprochen. Wer nicht mitspielte, durfte einen Schiedsrichter oder zumindest einen Linienrichter schicken. Das war vielen genug, und Blatter hatte gewonnen.

Als gegen Spanien elf Südkoreaner, ein Ägypter, ein Ugander und ein Trinidad-Tobagoaner gewannen, dämmerte es nicht nur Spaniern, Italienern und Franzosen, dass aus der WM der besten Kicker die WM der seltsamsten Pfeifen geworden war.

Lahme Enten

Das Zusammentreffen der Umstände, dass Blatter viele Probleme und die Staaten der Dritten Welt viele Stimmen hatten, hat den Weltfußball globalisiert. Die Schiedsrichter aus Afrika und der Karibik werden bald ebenso gut werden, wie es die Spieler aus Senegal, Kamerun und Costa Rica längst sind. Die Zeit der europäisch-südamerikanischen Vorherrschaft ist vorbei. Der globalisierte Fußball schafft schon heute mehr Gleichheit als die asymmetrische Globalisierung von Wirtschaft und Politik. Die Zeit des Übergangs wird lehrreich sein. Der europäische Fußballadel, der das Regime der Pfeifen beklagt, kann sich erstmals vorstellen, was Menschen in der Dritten Welt empfinden, wenn die Pfeifen des Internationalen Währungsfonds in ihren Staaten einfallen. Schlimmstenfalls verlieren die Europäer einen Titel. In den frisch sanierten Staaten haben Hunderttausende Menschen ihre Existenz verloren.

Trotz Korruption und Globalisierung hätten Frankreich, Italien und Spanien unter normalen Bedingungen gegen Südkorea oder Mexiko gewinnen müssen. Die Bedingungen waren normal. Auch in Europa und Südamerika kann es schwül sein, und wenn man in einer anderen Zeitzone spielt, reist man eben rechtzeitig an. Trotzdem sind Totti, Zidane, Figo und Raúl als Schatten ihrer selbst über die Felder geschlichen. Alle Stunden ein Fersler, jedes zweite Spiel ein Zieher in den Strafraum - die großen Zauberer waren die lahmen Enten der WM. Als das Turnier begann, waren sie längst am Ende. Das hat einen einfachen Grund: Es ist bereits ein Wunder, dass die vier und ein paar weitere Große ihren Einsatz in Meisterschaft, Champions-League, Qualifikationen und Werbetourneen überstehen. Die Eigentümer haben Unsummen investiert. Das Publikum zahlt nur noch in Massen, wenn die wenigen Superstars auftreten.

Je mehr investiert wird, desto öfter müssen sie aufs Feld. Ihre einzige Chance auf Erholung ist die Verletzung. Zidane und Raúl haben diese Chance schlecht, Totti und Figo gar nicht genutzt. In Südkorea und Japan hatten sie gegen unbekannte ausgeruhte Spieler kaum eine Chance.

Wenn der Körper des Fußballgotts nur noch ein müder Sack ist, nützen alle Künste der Ausbeutung nichts. Jetzt ist endlich Pause. Im Herbst werden Zidane & Co zum letzten Versuch, Pay-TV mit Fußball zu retten, antreten.

Arme Tänzer

Bleibt die Schönheit und damit unsere Heimat. Österreich ist bekanntlich das einzige Land, in dem Spieler und Trainer gemeinsam versucht haben, alle Spuren des Hässlichen aus dem Fußball zu tilgen: die rohe Kraft, das bloße Laufen, das vorhersehbare Zuspiel, den Gewaltschuss, das Glück des Tüchtigen. Wenn unsere Burschen den Rasenwalzer tanzen, nutzen das Türken und andere, uns vom Platz zu schießen.

Es stimmt, es ist nicht viel geblieben. Unser Bekenntnis zum kompromisslosen Schönen ist nicht belohnt worden. Wir werden unseren Weg eben in anderen Sportarten weitergehen. Und wenn uns nur Hermann Maier bleibt, dann soll die Welt zur Kenntnis nehmen, dass sich die Schönheit in die Klüfte der Alpen zurückgezogen hat. Von dort kann sie jederzeit wieder eine Siegeszug antreten. Wann - das bestimmen wir.


Der Abgeordnete der Grünen spielt als rechter Außendecker in einer Fußballmannschaft, die aus ebendiesem Grund un- genannt bleiben will, und führt ein "politisches Tagebuch" unter

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