Revival in Schichtholz

28. Juni 2002, 19:25
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Marcel Breuer-Objekte bei Sotheby's London

Noch in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gab man bei Möbelentwürfen Holz den Vorzug. In den 20er Jahren begannen allseits Experimente mit Stahlrohr, wobei das Bauhaus eine Schlüsselposition einnahm. Systematische Versuchsarbeit in formaler und technischer Hinsicht war Programm und Marcel Breuer, der 1925 die Leitung der Möbelwerkstatt übernahm, einer der führenden Persönlichkeiten.

In London steht bei Sotheby's am 3. Juli eine Auswahl von besonderen Breuer-Entwürfen im Angebot: 19 Möbel aus Sperrholz, entstanden in den 30er Jahren. Auch der 1902 in Pecs in Ungarn geborene Marcel Breuer war nach der Schließung des Bauhaus 1933 durch die NS-Kulturbürokratie auf der Suche nach neuen Betätigungsfeldern im Ausland und emigrierte im Herbst 1935 nach England. Dort hatte Walter Gropius die Leitung der Designabteilung des damals kleinen Unternehmens Isokon übernommen. Die im selben Jahr von Jack Pritchard gegründete Firma stand für "modernes funktionales Design für Häuser, Wohnungen, Einrichtungen und Zubehör".

Gropius holte Breuer zu Isokon und beauftragte ihn unter anderem mit einer Schichtholzvariante der legendären Stahlrohrliege ("313"). Die technische Umsetzung, vor allem der gebogenen Liegefläche, war zu dieser Zeit noch sehr aufwändig und musste aus Estland importiert werden, weshalb in den ersten Jahren nur wenige Modelle hergestellt wurden.

Im Vergleich zum Masseangebot an Stahlrohr-Möbeln sind Holzobjekte noch preislich unterbewertet: Etwa Unikate wie zwei für Jack Pritchards Privatgebrauch geschaffenen Esstische, die mit je 20.000 Euro veranschlagt, bei Christie's unbeboten blieben. Während für die legendäre Stahlrohr-Liege 40.000 Euro und mehr bezahlt werden, sind Schichtholz-Varianten für einen Bruchteil zu haben.

1999 versteigerte Christie's eine schlichte Ausführung für umgerechnet 9.750 Euro sowie Sotheby's eine mit grünlackierter Liegefläche für knapp 13.000 Euro.
Die von Breuer für Isokon entworfenen Modelle stammen alle aus den Jahren 1935 bis 1937. Darunter auch der Short Chair (Christie's, 1999, 7.500 Euro) oder ein niedriger Beistelltisch, der jüngst im Dorotheum samt originaler weißer Lackierung für 1830 Euro den Besitzer wechselte. Die aktuelle Auswahl bei Sotheby's ist insofern besonders, als einige der Modelle nie in Serie gefertigt wurden. Solche Prototypen haben ihren Preis: Zwischen 48.400 und 80.500 Euro sind beispielsweise für einen schlichten Damenschreibtisch veranschlagt.

Die Entwürfe wurden exklusiv für das Appartement von Doris Ventris, einer Zeitgenossin und Auftraggeberin Henry Moores, Ben Nicholsons und Naum Gabos gefertigt. Verhältnismäßig günstig taxiert sind klassische Einrichtungsgegenstände wie Bücherregale und ein Hi-Fi-Schrank (je 24.000-32.000 EURO), ein Sideboard mit Rollladentüren (16.000-24.000 EURO). Etwas höher taxiert sind Sonderanfer- tigungen wie der Toiletten- tisch inklusive Spiegel- und Schrankelement mit herausschwenkbaren Laden (32.000-48.000 EURO).

Der gefälligste Protoyp der Auswahl ist das als Duo angebotenen Fauteuil mit integriertem Ablagefach in der Armlehne - je Exponat zwischen 48.400 und 64.500 Euro geschätzt. Seit kurzem ist dieses Modell auch als Re-Edition erhältlich. Obwohl Isokon viele Designer beschäftigte - Moholy-Nagy entwarf etwa das Firmenlogo - gelangte das Unternehmen erst mit Breuer zu internationalem Ruhm. 1963 besann man sich dessen und übernahm Breuers Liege und Satztische aus Schichtholz in die Serienproduktion.
Olga Kronsteiner/DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So., 28.6.2002)

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