Das Model und seine Pfeife

28. Juni 2002, 18:56
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Es kommt zuweilen vor - und bei dieser Fußballweltmeisterschaft ist es schon des Öfteren vorgekommen -, dass nicht die Spieler im Mittelpunkt stehen, sondern der über sie wachende Richter. Aber keiner der WM-Schiedsrichter tut das so routiniert und gerne, so inbrünstig und überzeugend wie der Italiener Pierluigi Collina, von dem sie sagen, er sei ein Starschiri, ein Prädikat, das er sichtlich gerne selber glaubt. Wenn er pfeift, dann pfeift ein Model, an dem auch Sportartikler Adidas seinen Reklame-Gefallen gefunden hat.

Erwartungsgemäß überlässt der Internationale Fußballverband, die FIFA, das Finale zwischen Brasilien und Deutschland seiner Pfeife. In einer eigens einberufenen Pressekonferenz stand er diesbezüglich Rede und Antwort: "Ein WM-Finale kann nichts Normales sein. Das Spezielle sind nicht die beiden Teams, sondern das Finale an sich."

Beziehungsweise, um es richtiger zu sagen, Pierluigi Collina, stolz über die Berufung, meint: "Es fällt mir schwer, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben." Was aber nicht weiter tragisch ist, denn das haben Schiedsrichter so an sich: Die Tatsachenentscheidungen, die sie laut FIFA-Reglement zu treffen haben, definieren sich ja darüber, dass sie mit Tatsachen nichts zu tun haben müssen, sondern erst durch den Pfiff zu solchen gemacht werden.

Pierluigi Collina sei, sagen Menschen, die ihn näher kennen, ein freundlicher, umgänglicher Mensch, der keineswegs ständig die Augen zum Totschlag aufreißt und zu dem man wie von selbst "Glatze gnadenlos" zu sagen geneigt wäre. Manche behaupten sogar, er, dem vor rund zehn Jahren eine Stoffwechselkrankheit die Haare geraubt hatte, sei einer wie du und ich, ein Mann von der Straße: vor 41 Jahren geboren im ligurischen Viareggio, Student der Ökonomie in Bologna, Abschluss mit Auszeichnung, verheiratet, zwei Kinder, im Brotberuf ein Finanzberater.

Aber da ist eben auch sein anderes Leben, der Mr. Hyde im Dr. Jekyll. Während seines Militärdienstes, so wird erzählt, bekam er Urlaub wegen einer Meniskusoperation. Den Urlaub nutzte er zum Pfeifen, er wurde erwischt und zurückkommandiert zum Küchendienst. Collina ist ein Besessener der Schiedsrichterei, einer, der sich mit großer Akribie vorbereitet auf jedes Spiel, und auf dieses ganz besonders: "Ich werde jeden Spieler und die Taktiken genau kennen, ich werde alle Informationen sammeln, ich muss das Spiel lesen können wie Spieler und Trainer."

Die Deutschen kennt er schon gut: 1999 leitete er das Champions-League-Finale zwischen Bayern München und Manchester United (2:3). Und auch beim 1:5 gegen England im Herbst war er mit von der Partie. Was heißt mit? Mitten drin!

(Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, Printausgabe 29./30.6. 2002)
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