"The Isle": Verlorenes Anglerparadies

27. Juli 2004, 17:00
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Der Südkoreaner Kim Ki-duk fischt in menschlichen Abgründen

Wien - Der Schauplatz sieht zwar archaisch aus, er dient jedoch als Freizeitdomizil. Gleich bunten Motelhütten treiben die Floße auf einem nebelverhangenen See, in die sich beleibte Geschäftsmänner für ein paar Stunden mit ihren Mätressen zurückziehen. Dort angeln sie dann einen Fisch, schneiden diesem bei lebendigem Leib ein Stück heraus, werfen ihn zurück und sich danach wollüstig auf ihre Gefährtin.

Szenen wie diese haben dem südkoreanischen Regisseur Kim Ki-duk den Ruf eines Provokateurs eingetragen. Von The Isle / Seom (2000) hieß es gar, dass sich Kinobesucher übergeben hätten, und obwohl die Gewalt in seinen Filmen selbst für asiatische Maßstäbe mit ungewohnter Heftigkeit ins Bild gesetzt wird, richten die Figuren sie doch meist gegen sich selbst - sie ist das äußerste Mittel, auf die Welt (noch) zu reagieren.

In einem seiner jüngeren Filme, Adress Unknown, wird sie zum Ausdruck einer zutiefst zerrütteten Nation, der Nachwirkung des Korea-Krieges. Der defätistische Blick auf seine Heimat kennzeichnet auch The Isle, obgleich Kim darin weniger konkret wird. Er konzentriert sich hier auf ein surreal übersteigertes Beziehungsgeflecht, in dessen Zentrum Hee-Jin (Suh Jung) steht, die stumme Fährfrau, die mit ihrem Boot Kunden zu den Inseln fährt und sich in der Nacht entweder selbst verkauft oder Männer aus dem See attackiert.

The Isle bleibt zunächst episodisch in seiner Erzählweise, ähnlich verstockt wie die Figuren, deren triebgelenktes Wirken er kühl protokolliert, oft in Untersicht, wie ein Spiegelbild auf dem See, oder durch mehrfach kadrierte Einstellungen. Es gibt kaum Dialoge, Kim entwirft die Verhältnisse eher durch Blicke, die nur wenig über die Gefühlslage vermitteln.

Den Zustand eines psychosozialen Notstands, der sich neben sexuellen Tausch- und anderen offen ausgestellten "Geschäften" auch durch Misshandlungen von Tieren manifestiert, engt Kim allmählich auf eine obsessive Paarbeziehung ein: Hee-Jin findet in Hyun-Shik (Yoosuk Kim), einem Expolizisten, der sich auf einer Insel verschanzt hält, ein Gegenüber. Sie rettet ihn, als er versucht, Selbstmord zu begehen, indem er Angelhaken verschluckt.

Zwei Haken aneinander gelegt ergeben ein blutendes Herz. In diesem Zeichen schlägt die Passivität Hee-Jins in mordende Agilität um, doch auch hierin bemüht Kim weniger die Dramatik eines Psychothrillers, vielmehr handelt es sich um den verzweifelten Versuch, eine Zweisamkeit gegen jeden Eindringling von außen zu verteidigen. Als auch das scheinbar misslingt, greift diesmal sie zu den Angelhaken und wiederholt den Akt der Selbstzerstörung.

Es fällt schwer, sich auf The Isle einzulassen. Kim bietet dem Zuschauer keinen Ausweg an, es geht ihm mehr um die Unmöglichkeit jedes Miteinanders. Allenfalls der poetische Reduktionismus seiner Bilder, die dem Abstoßenden im Menschen eine paradoxe Ästhetik abgewinnen und in der Schlusssequenz von einer utopischen Übereinkunft mit der Natur künden, liefern Halt. Der Rest ist bodenlose Tiefe. (DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.6.2002)

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