Ein Himmel voller Synkopen

30. Juni 2002, 21:26
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Joe Zawinuls wird am 7. Juli Siebzig: Das Jazzfest Wien feiert vor

Joe Zawinuls Geburtstag wurde am Sonntag beim Jazzfest Wien im Arkadenhof des Rathauses mit einem Konzert vorgefeiert. Der Keyboarder wird am 7. Juli 70 Jahre alt.

Wien - Steigen wir einfach mitten in die Geschichte ein, in die 60er-Jahre, als Joe Zawinul längst per Du war mit Leuten wie John Coltrane und Charles Mingus und einem Herrn namens Miles Davis schon mehrmals für seine Angebote gedankt hatte, in dessen Band einzusteigen. Aber diese abgelehnt hatte, da er, Zawinul, fand, dass die Zeit für einen Musikplausch mit dem Trompetendüsterling noch nicht gekommen war.

Er hatte die Wiener Band von Fatty George verlassen, war durch ein Stipendium mit 800 Dollar in der Tasche in die USA gekommen, wo er nur kurz Schüler spielte, bald aber in der Band von Maynard Ferguson landete, dort wieder rausflog, dann als Weißer bei der afroamerikanischen Sängerin Dinah Washingon anheuerte, was in etwa einer Mondlandung mit dem Hubschrauber gleichkam und später per Telefon von Cannonball Adderley engagiert wurde. Er hatte also den Jazztresor USA geknackt.

Keine Kopie der Kopie

Doch wie es der Zufall so wollte, rief ihn, wie Zawinul dem STANDARD erzählte, in jener Zeit sein Freund Barry Harris an: "Harris war einer der tollsten Bebop-Pianisten überhaupt, aber er klang wie Bud Powell - the master! Wir übten viel miteinander. Er-zählt er mir also, dass er so im Taxi herumfährt und im Radio eine Nummer mit der Adderley-Band läuft und dass er den Pianisten hört und jede Wette eingegangen wäre, dass er es war, der da spielte. Bis sie sagten, es sei Joe Zawinul."

Für zwei Sekunden hat Zawinul dies als Kompliment betrachtet: "Dann dachte ich allerdings: Wenn ich so verwechselbar klang, war ich also eine Kopie der Kopie, denn Barry war ja selbst eine Kopie von Bud Powell." Das Wort Krise will Zawinul nicht aussprechen. Aber immerhin war die Erkenntnis so bedrückend, dass er alle seine Platten einsperrte, in sich ging, und sich schwor, nicht so bald wieder eine Bebop-Phrase aus seinen Fingern purzeln zu lassen.

Das ist interessant. Das Phänomen Zawinul ist ja an sich eines der genialischen Assimilation einer alten Sprache, nicht unbedingt die Erfindung einer neuen. Sein Stück Mercy, Mercy, Mercy etwa ist ein gemütlicher Soul-Jazz-Hit. Zum Klassiker des Genres wurde er jedoch nicht ob dessen innovativer Qualitäten, obwohl es formmäßig natürlich schon auch seine Seltsamkeiten hat. Eher, da er die damals sattsam bekannten bluesig groovenden Qualitäten mit neuem Leben füllte.

Man muss wohl den Komponisten Zawinul vom Improvisator trennen. Für einen Spontankünstler ist es im Jazz tatsächlich peinlich, keinen eigenen Tonfall und keinen Sound zu besitzen, der sich aus Klavieranschlag, melodischen Eigenheiten und dem Aufbau eines eigenen harmonischen Kosmos zusammensetzt. Zawinul hat ihn schließ-lich gefunden. Deshalb landete er auch später doch bei Miles Davis, half dem Elektro-Jazz mit auf die Beine und verhalf sich selbst in den 70ern mit Weather Report zu einer Jazzkarriere mit Popreichweiten. Dabei war nichts simpel oder platt zugänglich.

Auch der Meisterhit Birdland (Zawinul stolz: "In drei Dekaden mit Grammys prämiert") war eine Mischung aus Zugänglichkeit und Komplexität: "Das war zum Livespielen das schwerste Stück."

Eine Report-Wiederbelebung mit Wayne Shorter wird es trotz lukrativer Angebote nicht geben: "Wayne ist mein Bruder, aber man soll die alten Geschichten in Ruhe lassen." Lieber geht Zawinul dreimal in der Woche boxen (er tat es auch mit Miles Davis) und spielt mit seiner Syndicate. Und leider spielt er nicht öffentlich Klavier. Wer indes einmal seine Paraphrasen über Johann Strauß gehört hat, der wünscht Joe Zawinul zu dessen 70er, er möge sich selbst endlich bitte die Auseinandersetzung mit dem Dreivierteltakt zum Geschenk machen. Der Schani-Himmel wär' voller Synkopen.

(Ljubisa Tosic /DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So., 28.6.2002)
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