Ronaldo, Rivaldo, Ronaldinho

30. Juni 2002, 12:49
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Aber Brasilien hat auch einen Goalie - ein Porträt und Situationsbericht vor dem Endspiel

Yokohama - Die Schmach von 1998 hat Brasilien noch nicht vergessen. "Das darf nicht noch einmal passieren", sagen Ronaldo und Rivaldo vor dem WM-Finale am Sonntag (13.00 Uhr MESZ/live in ORF 1 und bei Premiere) gegen Deutschland wie aus einem Mund. "Wir dürfen nicht noch einmal das Finale verlieren." Beide haben es vor vier Jahren in Frankreich beim 0:3 im Endspiel gegen die "Equipe Tricolore" am eigenen Leib erfahren, beide wissen genau: 170 Millionen Brasilianer würden es der "Sele¸cao" nicht verzeihen, wenn sie ihnen in Yokohama den Traum vom fünften Titel wieder nicht erfüllt.

Kein anderes Land der Welt hebt seine Fußballgötter so hoch in den Himmel und verdammt sie beim Scheitern so schnell in die Hölle: "Vier Jahre habe ich darunter gelitten", bekennt Rivaldo. Auch Roberto Carlos weiß, dass es kein zweites Finaldrama geben darf: "Wir werden uns im Hotel noch einmal das Video mit den Bildern aus der Heimat anschauen", berichtet er. "Wir sehen darauf die Kinder, die mitten in der Nacht aufgestanden sind, um unsere ersten Spiele mitzuerleben. Wir sehen die Menschen nach unseren Erfolgen auf der Straße tanzen und vor Freude weinen. Und dann wissen wir, dass wir nicht für uns gegen Deutschland spielen, sondern für ganz Brasilien."

Brasilien zieht als erklärter Favorit ins Endspiel von Yokohama ein. Doch das war 1998 gegen Frankreich nicht anders. Und Pelé kämpft gegen seinen Aberglauben: "Bei dieser WM sind schon zu viele Favoriten gescheitert. Trotzdem vertraue ich Brasilien. Sie haben sich im Turnierverlauf enorm gesteigert. Aber ich sage auch, dass es sehr schwer wird." Der Respekt vor Deutschland ist groß: "Sie haben die beste Abwehr, vor allem einen Oliver Kahn. Aber wir haben den besten Angriff."

Ein Traumsturm

Der "RRR"-Sturm ist mit der Rückkehr von Ronaldinho wieder komplett. "Die Zeit auf der Bank gegen die Türkei war die Hölle", sagt der 22-Jährige, der gegen England erst zum Matchwinner wurde und dann die rote Karte sah. "Er ist für mich der bisher beste Spieler dieser Weltmeisterschaft", sagt Pelé. "Er ist für die Mannschaft noch wichtiger als Ronaldo oder Rivaldo." Damit dürfte die gleiche Elf auflaufen wie zum Viertelfinale gegen England (2:1). Mit Schlussmann Marcos (Pelé: "Der Beste, den wir je hatten"), der Dreierkette mit dem Leverkusener Lucio, mit den beiden offensiven Defensiven Cafu und Roberto Carlos, mit einem pendelnden Ronaldinho hinter Ronaldo/Rivaldo.

Bislang sind alle Befürchtungen ausgeblieben, die Abwehr könnte zur Achillesferse werden. Sie hat mit jedem Spiel mehr Sicherheit gefunden, Lucios Patzer gegen England blieb ohne Folgen. Die heimischen Medien feiern bereits vor: "Die Könige sind auf dem Weg zur Krönung", jubelte das Fachblatt Lance nach dem Einzug ins Finale. Und O Dia versprach: "Alle Fans können auf die Penta bauen", den Titel Nummer fünf. Auch für Estado Sao Paulo ist der Ausgang keine Frage: "Dieser Triumph wird der größte, denn der Gegner heißt Deutschland."


Ein Scherzerl

Da klingt wieder die Achtung durch, die Trainer Luiz Felipe Scolari auch allen seinen Spielern eingeimpft hat. Nur Roberto Carlos meinte im Scherz: "Die Deutschen können doch froh sein, überhaupt gegen uns spielen zu dürfen." Rivaldo: "Wir haben großen Respekt vor ihnen, es wird eng." Ronaldo: "Es wird ganz schwer, sie haben ein tolles Team. Aber ich glaube an unseren Sieg." An der Copacabana ist schon die Sonne aufgegangen, wenn im International Stadium der Anstoß erfolgt. Beim Abpfiff werden die Sambatrommeln zwischen Amazonas und Zuckerhut den größten Festtag seit vielen Jahren verkünden - oder das ganze Land wird in tiefste Trauer versinken. (sid, fri, DER STANDARD, PRINTAUSGABE 29.6. 2002)

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