Wider die Ideologisierung der Wissenschaften

28. Juni 2002, 17:44
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Wissenschafter sind unter den unzähligen Irrtümern des Menschen der Voreingenommenheit genauso ausgeliefert wie andere

Mit großem Stolz betonen Wissenschafter ihre geistige Unparteilichkeit. Ihre Sichtweise sei derart nüchtern, dass sie alle Konzepte für gleich wichtig und bedeutsam halten. Zumindest, bis neue, beweiskräftige Hinweise sie zwingen, diese Sicht zu ändern.

Voreingenommen...

Das Ironische daran: Wissenschafter sind unter den unzähligen Irrtümern des Menschen der Voreingenommenheit genauso ausgeliefert wie andere. Vor ein Problem gestellt, drängt sie rasch zu der Lösung, die ihre Lieblingsideen unterstützt oder die von diesen gefordert zu sein scheint. Sie glauben wie viele normale Leute fest daran, dass die von ihren Lieblingstheorien erklärten Mechanismen sich schlussendlich als entscheidend und die einzig relevanten erweisen werden.

Erinnern Sie sich an den übertriebenen Einfluss, den vor nicht allzu langer Zeit psychoanalytische Theorien ausübten. Sigmund Freud lehrte, dass es im täglichen Leben überhaupt keinen Vorgang gäbe, der trivial oder unsinnig sei. Aus diesem Grund wurden theoretische Schemata entgegen aller Vernunft überzogen.

Tatsächlich widerstand nichts der psychoanalytischen Exegese - Politik, Soziologie, Geschichte oder Medizin: Alles war Wasser auf die Mühlen des Psychoanalytikers. So galt der Agrarkommunismus als Rückkehr in den Mutterleib. Die kapitalistische Wirtschaft wurde mit einem sadomasochistischen Analkomplex in Verbindung gebracht. Der kommunistische Spruch "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" galt einigen als Ausdruck unterdrückter Homosexualität.

In der Sowjetunion wurde der Marxismus-Leninismus auf ähnliche Weise übertrieben. Alles hatte mit Klassenkampf zu tun. Wenn man marxistischen Theoretikern glauben wollte, ließ sich sogar die romantische Liebe eines Mannes zu einer Frau als Besitz- und Machtstreben erklären, als eine Haltung, in der sich die Unterdrückung des Proletariats durch die Bourgeoisie widerspiegelte.

...verzerren

Im Westen erlitten Charles Darwins Theorien in den Händen angeblich darwinistischer Meßdiener kaum weniger krasse Verzerrungen. Es ist inzwischen allgemein bekannt, dass man die Evolutionstheorie benutzte, um kapitalistische Ungerechtigkeiten zu rechtfertigen - als das unumkehrbare, wissenschaftlich erwiesene Naturrecht vom "Überleben des Stärkeren".

Wann immer ein neues, machtvolles, wissenschaftliches Konzept auftritt, wird es eine Zeit lang missbraucht. Heute ist die Molekulargenetik an der Reihe: Temperament, Fettleibigkeit, Herzkrankheiten, Intelligenz, Homosexualität oder kriminelles Verhalten: Alles soll an den Genen liegen, unsere Bestimmung sei in der DNA festgeschrieben.

Und Popularwissenschafter gesellen sich in den jubelnden Chor und behaupten, Menschen seien nichts anderes als "vorprogrammierte" Wesen. Das Genom enthalte den gesamten Bestand an Anweisungen, und wird deswegen "Der Heilige Gral", "Die Bibel", "Das Buch vom Menschen" genannt.

Wenn es erst einmal gründlich entschlüsselt sei, heißt es, sei das Wesen des Menschen völlig verstanden. Solchen Ansprüchen setzt ein gesunder Humanismus Grenzen. Keine Wissenschaft vermag die menschliche Natur vollkommen zu erklären: Alle Wissenschaften, sogar die exaktesten, sind Anstrengungen in Teilbereichen.

Der Mensch ist mehr als seine Psyche, mehr als Biochemie oder Gene. Er ist zugleich seine Vergangenheit, seine Gegenwart und seine Zukunft. Tatsächlich ist der Mensch sogar mehr als er selbst. Denn die eigentlich menschlichen Qualitäten kommen erst voll in der Gesellschaft zur Geltung.

Je mehr Wissenschafter in ihrer Forschung aufgehen und, von der Technologie fasziniert, diese grundlegenden Erkenntnisse der Geisteswissenschaften vergessen, werden sie weiterhin der Voreingenommenheit als ihrem unerbittlichen Schicksal erliegen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29./30. 6. 2002)

Von Frank Gonzalez-Crussi
Der Autor ist emeritierter Pathologe der Uni Chicago.

© Project Syndicate
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