Wiener Börse von "Enronitis" verschont

28. Juni 2002, 15:28
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Mit neun Prozent-Plus seit Jahresbeginn trotzt Wien Vertrauensschwund und Technologie-Schwäche

Wien - Als sicherer Hafen in turbulenten Börsenzeiten hat sich für österreichische Aktionäre im ersten Halbjahr 2002 just die Heimatbörse in Wien entpuppt. Im Gegensatz zu dem fortgesetzten Kursdebakel der internationalen Aktienmärkte konnten in Wien Gewinne eingefahren werden. Unter der Führung des Zugpferds und ATX-Schwergewichts Erste Bank schloss sich die Wiener Börse der positiven Performance der osteuropäischen Börsen an, wo sich Finanztitel ebenfalls reger Nachfrage erfreuten.

"Die Osteuropa-Fantasie hat sich im ersten Halbjahr positiv auf die Wiener Börse ausgewirkt", sagt RCB-Chefanalystin Birgit Kuras, zumal diese Fantasie mittlerweile immer mehr zur Realität werde. Im "hohen Osteuropa-Exposure" der heimischen Wirtschaft sieht Kuras zudem einen Faktor, der im zweiten Halbjahr die Auswirkungen der aktuellen Dollarschwäche - gemeinsam mit niedrigeren Rohstoffpreisen - für die heimische Wirtschaft mildern werde.

"Sell in may and go away"

Wer im abgelaufenen Halbjahr nach der alten Börsenweisheit "sell in may and go away" handelte, war gut beraten. Denn nach einem fulminanten Anstieg auf das bisherige ATX-Jahreshoch bei 1.357 Punkten setzte Anfang Mai eine Konsolidierung ein, die den Leitindex auf das derzeitige Niveau von rund 1.246 Punkte drückte. Unterm Strich bleibt immer noch ein Plus von 9,1 Prozent seit Jahresbeginn.

Für das zweite Halbjahr erwartet die RCB-Expertin aber eine eher moderate Entwicklung: "Wir glauben nicht an einen starken Anstieg." Bis Jahresultimo soll sich der ATX laut RCB-Prognose zwischen 1.250 und 1.370 Punkten bewegen, zu Jahresende wird er bei 1.350 Einheiten erwartet. Damit liegt die RCB in der Mitte der Prognosen anderer Institute: Die Erste Bank erwartet den ATX zum Jahresultimo 2002 bei 1.370 Zählern, während sich die Schätzung der Bank Austria Creditanstalt mit einem Anstieg auf 1.300 bis 1.320 begnügt.

"Kein Abwärtspotential"

"Im Sommer wird der Markt seitwärts gehen, wir sehen kein Abwärtspotenzial", so Bank Austria-Analyst Alfred Reisenberger. Gegen Jahresende erwartet er hingegen "eher wieder eine positive Tendenz" - ähnlich wie Günther Artner von der Erste Bank, der ebenfalls nach der "Sommerpause im Juli und August" mit festeren Kursen im vierten Quartal rechnet. Artner sieht neben den attraktiven Rahmenbedingungen in Österreich in der "nach wie vor attraktiven Bewertung" die Basis für eine auch weiterhin erfreuliche Entwicklung.

Einigkeit herrscht unter den Analysten hinsichtlich der Gründe für die Outperformance der Wiener Börse im ersten Halbjahr. Neben der Osteuropa-Fantasie habe der Investoren-Trend zu Zyklikern und Industriewerten sowie zu Small- und Midcaps der Wiener Börse ebenso geholfen wie die geringe Anzahl von gelisteten Technologietiteln. Zudem hätten solide Bilanzierungspraktiken geholfen, durch die Vertrauenskrise nach Bilanzskandalen wie Enron zu profitieren. "Die Enronitis hat sicher auch positiv beigetragen", so Reisenberger, schließlich gebe es in Österreich "echte Gewinne". (APA)

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