"Unser Wissen ist nie die Wahrheit selbst"

28. Juni 2002, 12:52
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Peter Kampits, Vorstand des Instituts für Philosophie in Wien, zur Bedeutung Sir Karl Poppers

Wien - Der Vorstand des Instituts für Philosophie der Universität Wien, Peter Kampits im Gespräch mit der APA über die Bedeutung von Sir Karl Popper:

APA: Rund um Karl Poppers 100. Geburtstag gibt es zahlreiche Aktivitäten, mit Ehrungen, Symposien und Popper-Büste. Was machte Popper zu einem so bedeutenden Philosophen?

Kampits: Es sind zwei Dinge. Das eine ist der entscheidende Schritt, den Popper in der Wissenschaftstheorie mit seiner Betonung der Falsifikation anstelle der Verifikation gesetzt hat. Zugleich hat er immer wieder darauf hingewiesen, dass all unser Wissen nie die Wahrheit selbst, sondern höchstens eine Annäherung an die Wahrheit erreichen kann. Die zweite Seite, die Poppers Bedeutung bis heute ausmacht, ist seine Sozialphilosophie. Diese ist in der letzten Zeit durch die politischen Wandlungen in Europa, die postkommunistische Ära, besonders diskutiert worden. Popper hat im "Elend des Historizismus" und vor allem in seiner Konzeption der "Offenen Gesellschaft" etwas vorgelegt, das im Prinzip relativ banal und selbstverständlich anmutet, das aber gerade für postkommunistische Gesellschaften eine große Hilfe ist. Er plädiert nämlich für eine Gesellschaft, wo nicht von totalitaristischen Annahmen ausgegangen wird, sondern in der ein Liberalismus, Pluralismus und Demokratie als notwendig erachtet werden.

APA: Wird also Poppers Philosophie auch heute noch angewendet?

Kampits: Ich glaube, im westlichen Europa ist sein Einfluss zurückgegangen. Aber ich habe in zwei Reisen der jüngsten Zeit in unseren Nachbarländern, den Ländern des ehemaligen Ostblocks, erfahren können, dass Popper dort sehr stark im Kommen ist.

APA: Was für eine Bedeutung hatte Poppers Persönlichkeit, seine intellektuelle Bescheidenheit und sein Sanftmut, auf seine Bekanntheit, die er vor allem auch beim Nicht-Fachpublikum erreichte?

Kampits: Popper war ein sehr bescheidener Mann. Diese Bescheidenheit hat ihm auch das typisch österreichische Schicksal eingetragen, dass er jetzt zu seinem 100. Geburtstag kräftig gefeiert wird, er aber eigentlich zu Lebzeiten in Österreich nicht besonders beachtet wurde. Eine gewisse Faszination für das breite Publikum geht natürlich auch davon aus, dass Popper in mehreren sehr populär gehaltenen Aufsätzen die Rolle der Philosophie in ihrem skeptischen-zweifelnden, niemals dogmatischen Charakter hervorgehoben hat.

APA: Könnte man sagen, dass Popper ein Philosoph für philosophische Laien ist?

Kampits: Da ist eine gewisse Doppelgesichtigkeit. In seiner Erkenntnistheorie und seiner Wissenschaftstheorie ist Popper für Laien nicht einfach nachvollziehbar. Die zweite Seite aber, Poppers "Offene Gesellschaft" und seine Sozialtheorie, ist etwas, das auch diejenigen, die von Philosophie nicht sonderlich viel verstehen, rezipieren können.

APA: Wie tief gehen in einer solchen Rezeption die Erkenntnisse?

Kampits: Es gibt einige Popper-Aussprüche, die prima vista furchtbar überzeugend klingen, etwa "Lasst Hypothesen anstatt von Menschen sterben" oder das "Prinzip der Toleranz". Betrachtet man das aber näher, kommt man schnell in Probleme. Ruft man sich z. B. den 11. September in Erinnerung, muss man sagen, dass die aufgeworfene Grundfrage, nämlich wie geht eine pluralistische Gesellschaft mit Gegnern um, die sie als Ganzes torpedieren, auch von Popper nur ungenügend beantwortet wurde.

APA: Popper wurde von Politikern aller Couleurs - vom Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider (F) bis zur europäischen Sozialdemokratie - zitiert und als Vorbild genannt. Ist sein Werk so vage, so unentschlossen?

Kampits: Da könnte man fast mit einem Gag antworten: So, wie Popper ein Buch geschrieben hat, das "Offene Gesellschaft" heißt, gibt es eben einen "Offenen Popper". Das heißt, einen Popper, bei dem man verschiedene Dinge für die eigene Zweckhaftigkeit herausnehmen kann. Das liegt aber eigentlich ganz auf der Linie von Popper. Popper hat allerdings, das muss man deutlich sagen, im Spannungsfeld von Gleichheit und Freiheit in seiner Entwicklung immer mehr auf die Seite der Freiheit Wert gelegt. In seiner Autobiografie sagt er, wenn es einen Sozialismus geben könnte, in dem dessen Gleichheit zugleich mit Freiheit verbunden wäre, dann würde er diesem anhängen. Aber er sehe diesbezüglich kein Licht am Horizont.

APA: Das klingt ja eher pessimistisch. Popper gilt doch aber als Philosoph des Optimismus.

Kampits: Wenn, dann eines gedämpften oder sehr skeptischen Optimismus. Popper meint, dass die Menschheit, wenn sie immer kritisch-rationaler würde, einer besseren Zukunft entgegen gehen könnte. Auf der anderen Seite sieht er jedoch sehr gut, mit welchen großen Schwierigkeiten das verbunden ist.

APA: Vor allem mit seiner vehementen Kritik an Hegel in der "Offenen Gesellschaft" handelte sich Popper den Zorn der Philosophen-Zunft ein. Ist Popper ein schlechter, oberflächlicher Philosoph, wie viele sagen?

Kampits: Hier möchte ich differenziert antworten. Die Linie Poppers, totalitaristische Züge in den Philosophien Platons, Hegels und Marx' zu sehen, ist in der Grundausrichtung richtig. Andererseits hat Popper wenig Verständnis für Systemkonstruktionen, wie sie im deutschen Idealismus, in der Transzendentalphilosophie und in der Reaktion darauf bei Marx erfolgt sind. Popper hat sich hier ein Hegel-Bild und ein Marx-Bild zurechtgemacht, das wahrscheinlich nicht von allzu vielen geteilt wird. Das ist auch in eine Zeitbedingtheit hineinzusetzen: Popper hat in seinem Leben die Erfahrungen zweier Weltkriege inklusive der zwischen den Weltkriegen heranwachsenden Totalitarismen erlebt. In diesem Sinne ist er verwundbar, wie jeder Humanist verwundbar ist, der für ein integres Bild des Menschen eintritt und sich auf der anderen Seite natürlich darüber im Klaren ist, dass er dieses Bild eigentlich philosophisch-systematisch nicht auszuführen vermag.

APA: Gibt es jenseits dieser Zeitbedingtheit auch Zukunftsweisendes bei Popper?

Kampits: Popper hat viele Dinge vorweg genommen, die in der Entwicklung der 80er oder 90er Jahre von ganz anderen philosophischen Positionen aufgegriffen wurden. Ich sehe gerade im Angriff auf die sogenannten "Meisterdenker", wie sie die postmodernen Philosophen vollzogen haben, eigentlich eine sehr starke Parallele zu Popper.

APA: Eine der schärfsten Kritiken, mit der sich Popper konfrontiert sah, ist, dass sein Falsifikationismus sich selbst als nicht falsifizierbar sieht. Wurde diese Kritik inzwischen ausgeräumt?

Kampits: Diese Diskussion läuft weiter, denn sie hat schon etwas für sich: Popper macht bei der Falsifikation eine Allaussage, die er sich vom Prinzip her verbieten müsste. Aber die Falsifikation ist praktikabel. Und das ist das, worauf es Popper ankam.

(Das Gespräch führte Georg Leyrer/APA)

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