Wirtschaftsforscher sehen "Aufschwung mit Risiken"

28. Juni 2002, 17:32
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Wirtschaftsleistung wird zwischen 1,2 und 1,5 Prozent und 2003 um 2,5 bis 2,8 Prozent zulegen - Unsicherheitsfaktoren, dass Prognose hält, aber gestiegen

Wien - Nicht mehr nur Hoffnungsschimmer, sondern bereits "harte Fakten" wie anziehende Exportziffern sprechen für die Erholung der österreichischen Wirtschaft in diesem Jahr. Durch die jüngsten Bilanzierungsskandale in den USA, von Enron über Worldcom bis zu Xerox, und die darauf folgende Talfahrt der US-Aktienmärkte beziehungsweise des Dollar sei die Konjunktursituation allerdings noch "labil", sagen die heimischen Wirtschaftsforscher. "Die amerikanische Entwicklung macht Kopfzerbrechen. Die Prognoserisiken sind in jüngster Zeit bedenklich gewachsen", sagt Herlmut Kramer, Chef des Wirtschaftsforschungsinstitutes (Wifo).

Dem Wifo und dem Institut für Höhere Studien bleibt daher nichts anderes übrig, als ihre Konjunkturvorausschau im Wesentlichen unverändert zu belassen. Das Wifo geht von einem Wirtschaftswachstum vom 1,2 Prozent heuer und 2,8 Prozent 2003 aus. Das IHS erwartet einen realen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes um heuer 1,5 Prozent und 2,5 Prozent im kommenden Jahr.

EZB kann zuwarten

Zu den internationalen Unsicherheitsfaktoren zählt insbesondere auch die weitere Wechselkursentwicklung zwischen Dollar und Euro. Der Preisauftrieb in Europa verlangsamt sich durch einen stärkeren Euro, und die Europäische Zentralbank kann mit einer Leitzinserhöhung weiter zuwarten. Dem steht gegenüber, dass die Konjunkturentwicklung in Deutschland, Österreichs wichtigstem Handelspartner, maßgeblich vom Export abhängt und sich die Ausfuhren verteuern, wenn die Euroaufwertung anhält. Wifo und IHS gehen aber derzeit nicht davon aus, dass der Euro im Jahresdurchschnitt 2002 oder 2003 die Parität zum Dollar erreicht.

Vom Aufschwung noch nichts zu spüren ist in der Bauwirtschaft, im Konsumgüterbereich und auf dem Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote werde heuer signifikant von 6,1 Prozent auf 6,8 Prozent steigen und sich erst 2003 leicht erholen. In absoluten Zahlen bedeutet dies, dass es heuer im Jahresdurchschnitt um 25.000 Arbeitslose mehr geben wird als im Vorjahr, was den öffentlichen Haushalt mit mindestens 255 Mio. Euro zusätzlich belastet.

Teure Frühpensionen

Noch kostspieliger ist die Belastung aus der explodierenden Nutzung der Altersteilzeit, die heuer 218 Mio. Euro, aber 2003 bereits 436 Mio. Euro zu Buche schlagen wird. Dazu kommt die Frühpensionierungswelle im öffentlichen Dienst und bei Post, Bahn und Telekom. Für Letztere zahlt der Bund alle Pensionen, bekommt aber nur Dienstgeberbeiträge auf Basis der Zahl der Pragmatisierten, die ständig schrumpft. Die Finanzierungsschere geht hier bis auf 1,7 Mrd. Euro auf.

Das Budgetdefizit werde heuer 0,3 bis 0,4 Prozent vom BIP ausmachen. Im kommenden Jahr sei wegen der Konjunkturerholung ein Nulldefizit wieder möglich. Allerdings wurde hier keine Steuerreform oder Senkung der Lohnnebenkosten einkalkuliert. Soll auch das finanziert werden, müssten neue Schulden gemacht werden oder "massive" Einsparungen auf der Ausgabenseite Platz greifen. (Michael Bachner/DER STANDARD, Printausgabe, 29.6.2002)

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Wifo

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