Jeder Dritte leidet an einer Allergie

28. Juni 2002, 11:04
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Zunehmende Luftverschmutzung und geänderte Lebensgewohnheiten sind auslösende Faktoren

New York - Die Augen brennen, die Nase ist verstopft, das Atmen fällt schwer: Mehr als ein Drittel der Bevölkerung in den westlichen Industrieländern leidet Schätzungen zufolge unter einer Allergie. Vor knapp 30 Jahren war es noch rund ein Viertel. Luftverschmutzung, Wohnverhältnisse und paradoxerweise auch zunehmende Gesundheitsvorsorge werden für den Vormarsch von Allergien verantwortlich gemacht.

"Eine einfache Antwort gibt es nicht", sagt Andrew Saxon, Immunologe an der University of California in Los Angeles, auf die Frage, warum manche Menschen so viel anfälliger scheinen als andere. Warum kann der Nachbar ohne Probleme Rasen mähen, während ich schon nach Luft schnappen muss, wenn ich das Fenster öffne? Weder Pollen noch Staub oder sonstige Allergene sind an sich gefährlich, aber der Körper mancher Menschen behandelt sie dennoch wie aggressive Eindringlinge und zeigt eine unangemessene Abwehrreaktion.

Woher Allergien jedoch kommen und warum sie immer mehr zunehmen, dafür können Saxon und seine Kollegen Erklärungen liefern. Bereits der rasche Anstieg der Allergikerzahlen ist den Wissenschaftlern Hinweis dafür, dass der genetische Faktor nicht allein verantwortlich sein kann. Während heute jeder Menschen mit allergischen Reaktionen kennt, brauchte der Forscher Jonathan Bostock Anfang des 19. Jahrhunderts fast zehn Jahre, bis er genug Personen für eine entsprechende Untersuchung fand.

Luftverschmutzung

Luftverschmutzung wird als ein Faktor für das Auslösen von Allergien genannt. Saxon fand heraus, dass schon geringe Mengen Reizstoffe in der Luft das Immunsystem aus der Balance bringen und so allergische Überreaktionen hervorrufen können. Der Mediziner, der seit rund zwölf Jahren den Zusammenhang zwischen Allergien und Luftverschmutzung erforscht, experimentierte unter anderem mit Dieselabgasen.

Ein Gruppe von Testpersonen setzte er dabei nur Allergenen aus, eine zweite zusätzlich den Abfallprodukten des Treibstoffs. Während die erste Gruppe keine direkten Abwehrreaktionen zeigte, entwickelten Personen der zweiten Gruppe Antikörper und reagierten bei späterem Kontakt mit den Allergenen schon auf eine weit kleinere Menge.

Isolation von Wohnräumen

Die Sensibilität gegenüber manchen Allergenen, wie etwa den von Hausstaubmilben produzierten Ausscheidungen, hat sich offenbar auch durch die verbesserte Isolation von Wohnräumen in den vergangenen Jahrzehnten erhöht. "Häuser sind mittlerweile gut isoliert, haben bessere Heiz- und Klimaanlagen und weniger nach außen gerichtete Belüftungssysteme", sagt Jacqueline Pongracic von der Northwestern-Universität in Chicago. "Dadurch steigt die Zahl der Allergene in den Häusern." Auch dass immer mehr Katzen und Hunde in Wohnungen gehalten werden, steigere die potenziellen Reizstoffe.

Ein weiterer Auslöser von Allergien könnte nach Ansicht von Wissenschaftern womöglich auch die verbesserte Gesundheitsvorsorge bei Kindern sein. Ist das Immunsystem Viren und Bakterien ausgesetzt, reagiert es auf andere Weise als bei Allergenen. Und mit häufigen Infektionen wird der Körper möglicherweise eher auf den "Infektions-Abwehrmodus" programmiert.

Diese Erklärung ist eng mit der Hypothese zur Entstehung von Allergien verknüpft, die von einer Umleitung der nicht mehr benötigten Abwehrreaktionen auf eigentlich ungefährliche Allergene ausgeht. Früher hätten die Menschen demnach diese Abwehrreaktion entwickelt, um mit Parasiten umzugehen, sagt Pongracic. "Aber heute sind wir kaum noch Parasiten ausgesetzt, so dass sich die Reaktion auf Allergene verlagert hat." (APA/AP)

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