Von Erdberg in die Welt und zurück

28. Juni 2002, 18:24
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Ein "aktiver Präsident" wolle er sein, kündigte Klestil bei seinem Amtsantritt vor zehn Jahren an - Spätestens bei der Bildung der jetzigen Regierung lernte er jedoch die Grenzen seines Bewegungsdranges kennen

Wien - Das Bild ging um die Welt. Am vierten Feber 2000 vollzog Bundespräsident Thomas Klestil die Angelobung der neuen Koalitionsregierung von ÖVP und FPÖ mit versteinerter Miene. Er hatte diese Koalition nie gewollt, und dass ihn sein Parteifreund Wolfgang Schüssel nicht früher über seine wahren Ziele unterrichtet hatte, empörte den machtbewussten Mann zusätzlich - wahrscheinlich auch deshalb, weil im gerade der neue Bundeskanzler kühl demonstriert hatte, wie wenig Einfluss ein österreichisches Staatsoberhaupt laut Verfassung auf die Regierungsbildung hat, wenn sich zwei Parteien geeinigt haben.

Draußen auf dem Ballhausplatz also demonstrierten tausende Regierungsgegner, in der Präsidentschaftskanzlei warteten dutzende TV-Teams aus aller Welt auf den Auftritt, und das erste Kabinett Schüssel betrat den Ort der feierlichen Handlung durch den unterirdischen Gang, der Klestils Amtssitz mit dem Kanzleramt verbindet. Das Missfallen über dieses auch protokollarisch aus dem Rahmen fallende Ende einer Entwicklung, der Klestil über Wochen lang vergeblich gegengesteuert hatte, war seiner Miene abzulesen.

Endgültiger Bruch

Mit diesem Akt zerbrach nicht nur das nie sehr innig gewesene Verhältnis zwischen Klestil und Schüssel, es ging auch eine Erfolgsgeschichte im Leben des ehrgeizigen Diplomaten zu Ende, der es aus kleinsten Erdberger Verhältnissen bis in das Rampenlicht der großen Politik geschafft hatte. Seit seinem überraschend klaren Sieg, den er am 24. Mai 1992 in der Stichwahl um das Präsidentenamt gegen den favorisierten SP-Kandidaten Rudolf Streicher landen konnte, hatte die Tagespolitik nie geprüft, wie weit Klestils Einfluss wirklich ging und ob er den Rahmen repräsentativer Pflichten tatsächlich sprengen konnte.

Von Beginn an war Klestil geradezu besessen darum bemüht, eben das zu beweisen - was ihm bald den Vorwurf eintrug, sich in eitlem Aktionismus zu verzetteln.

Dennoch fielen die Aktivitäten seiner ersten Jahre durch einen neuen Stil auf, der in der ÖVP geradezu amerikanisch-agil wirkte. Als erstes österreichisches Staatsoberhaupt bekannte er 1994 bei seinem Besuch in Israel die Mitschuld Österreichs am Holocaust ein, und stärker als mancher seiner Parteifreunde engagierte sich Klestil für den EU-Beitritt Österreichs und für die neuen Demokratien Osteuropas.

In diesem Bereich funktionierte das im diplomatischen Dienst geschärfte Sensorium besser als im medialen, dessen mittlerweile auch in Österreich vollzogenen Paradigmenwechsel Klestil in eigener Sache hätte bedenken müssen - um so mehr, als er ihn sich während seiner Präsidentschaftskampagne meisterlich zu Nutzen gemacht hatte. Gegen Streicher hatte er mit einem personalisierten, auf die Kontrolle der Mächtigen und die Wiederbefestigung hehrer Familienwerte ausgerichteten Wahlkampf gewonnen, der geschickt in den Boulevardmedien inszeniert worden war.

Härte des Boulevards

Die hatten nun vor der Privatsphäre des Präsidenten ebenso wenig Respekt wie vor jener des Kandidaten, als 1994 ruchbar wurde, dass Klestils Ehe mit seiner Frau Edith gescheitert war. Die Scheidung und Liaison mit der Diplomatin Margot Löffler, die Klestil schließlich heiratete, gerieten zur genüsslich aufbereiteten Seifenoper, an der alle Betroffenen Schaden nahmen.

Die Vorwürfe seiner Parteifreunde, Klestil beschädige seine amtliche Reputation, waren zumindest an seinen Beliebtheitswerten nicht ablesbar: Diese betrugen im August 1998, vier Monate nach seiner Wiederwahl, 67 Prozent und lagen deutlich über jenen von Kanzler Franz Vranitzky und Wolfgang Schüssel.

Von solchen hehren Höhen ist Klestil am Abend seiner Karriere weit entfernt, obwohl ihm noch immer 55 Prozent der Österreicher wünschen, eine "wichtigere Rolle" zu spielen. Im politischen Tagesgeschäft wird das wohl kaum mehr der Fall sein. Vielleicht ahnt Klestil das auch und wendet sich deshalb verstärkt dem einfachen Volk zu - etwa, indem er es an einem Tag der offenen Tür in die Hofburg lädt. (Samo Kobenter/DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.6.2002)

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