Hans Rauscher: Journalistische Selbstkontrolle

27. Juni 2002, 23:42
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Der Journalismus ist ein Beruf mit sehr geringen Regelungsstrukturen. Eine formale Ausbildung ist nicht Voraussetzung, oft genügt Talent und On-the-job-Trai- ning. Als Branche wird der Journalismus durch mehr oder minder stringente Mediengesetze kontrolliert.

Dazu kommen eigene freiwillige Einrichtungen, die aber oft ein Akzeptanzproblem haben. So genannte Presseräte fällen Urteile über journalistische Inhalte und Praktiken, die ethisch unzulässig bis katastrophal sind, manchmal auch strafrechtlich fassbar, oft jedoch nicht. Ein weiteres Regulierungsinstrument ist die Verleihung von Preisen für hervorragende journalistische Leistungen als Ansporn und Beispiel. Das ist in allen Medienlandschaften der entwickelten Demokratien in etwa gleich.

Der österreichische Journalismus ist ein Phänomen für sich. Über die Ursachen zu reden erfordert mehr als den hier zur Verfügung stehenden Platz. Dass hier Dinge durchgehen, die in den wildesten Boulevardblättern der westlichen Welt keine Chance hätten, ist evident: Was etwa seinerzeit "Staberl" und jetzt Hausdichter Wolf Martin in der Krone an rassistischer und antisemitischer Hetze, allerdings schlau getarnt, von sich geben durften und dürfen, wäre weder in Bild noch in der Sun möglich.

Vor diesem Hintergrund - und einem allgemeinen Trend auch zum flotten Spaßjournalismus - ist es eine Tatsache, dass auch die relativ schwach ausgebildeten Institutionen der Selbstkontrolle im österreichischen Journalismus deutlich bröckeln.

Heute findet z. B. die letzte Sitzung des so genannten "Presserates" statt, eines sozialpartnerschaftlich von den Verlegern und von der Journalistengewerkschaft, bzw. anderen Journalistenverbänden besetzten Gremiums, das Verstöße gegen das journalistische Berufsethos be- und gegebenenfalls verurteilt - mit keiner anderen Folge, als das manche Medien den Spruch veröffentlichen.

Dieser Presserat fällt nun auseinander, weil sich der Verlegerverband zurückzieht. Das hat mit begründeten Zweifeln am Presserat zu tun, aber auch sehr viel mit der Tatsache, dass die Krone, die relativ oft und immer zu Recht verurteilt wird, massives Lobbying betrieb.

Das allein ist schon ein Grund für höchste Besorgnis. Wenn nun aber auch noch eines der wenigen Instrumente der journalistischen Selbstkontrolle ausfällt, dann geht der Trend zur Fahrlässigkeit und Manipulation in weiten Teilen der österreichischen Medienlandschaft ungebremst weiter. Aber nicht nur im Bereich der "Bestrafung", sondern auch der "Belohnung" wären Justierungen notwendig.

Jahrzehntelang war der so genannte "Renner-Preis" der österreichische Pulitzer-Preis, also die höchste journalistische Auszeichnung. Die Benennung des Preises nach dem verdienstvollen, aber auch umstrittenen sozialdemokratischen Staatsmann und Autor Dr. Karl Renner ist problematisch. Der Preis selbst wird von untadeligen Jurymitgliedern an untadelige Journalisten vergeben, aber sein Trägerverein, ein "Österreichischer Journalisten-Club", geriert sich in letzter Zeit zu sehr als Vermittler von "günstigen Gelegenheiten", die mit Unterstützung journalistischer Berufsausübung relativ wenig zu tun haben.

Zum Renner-Preis sind in den letzten Jahren der Kurt-Vorhofer-Preis für innenpolitische Journalistik und der Preis der unabhängigen Journalistenvereinigung Concordia hinzugetreten, die beide einen sehr guten Ruf haben.

Dennoch ist eine Debatte über eine Neuordnung der Selbstregulierungsmechanismen des österreichischen Journalismus wohl fällig. Sie sollte - vielleicht in Form einer groß angelegten Enquete - nicht nur von den Interessenvertretungen geführt werden, sondern vor allem auch von der großen Zahl ungebundener Journalisten, denen die Rahmenbedingungen ihres Berufs nicht gleichgültig sein sollten.
hans.rauscher@derStandard.at


(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.6.2002)

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