"Seit Jahrzehnten größter Fall von Zeitungskonzentration"

27. Juni 2002, 21:29
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Holtzbrinck kann künftig zwei Drittel des Berliner Zeitungsmarktes dominieren - Experte Röper warnt

Der deutsche Medienforscher Horst Röper warnt vor einer Fusionswelle in Deutschland.

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Für den Konzentrationsforscher Horst Röper ist der Verkauf der Berliner Zeitung von Gruner + Jahr an den Holtzbrinck-Verlag "alles andere als in trockenen Tüchern". Noch stehe die Zustimmung des Kartellamtes aus. "Das wäre der größte Zeitungskonzentrationsfall seit Jahrzehnten. Der größte Hammer seit den Siebzigerjahren", sagte Röper dem STANDARD.

Röper schätzt, dass Holtzbrinck mit dem bereits zum Konzern gehörenden Tagesspiegel und der Berliner Zeitung zwei Drittel des Berliner Marktes im Bereich Abozeitungen (exklusive Boulevardblätter) dominiert. Ein weiteres Viertel besetzen die Springer-Blätter Berliner Morgenpost und Welt, deren Redaktionen zu Jahresbeginn zusammengelegt wurden.

Wenn es eine Zustimmung des Kartellamtes geben solle, "dann wird es ein konditioniertes Ja mit Bedingungen sein", so Röper. Er vermutet, dass es zumindest zwei Auflagen gebe: Publizistische Eigenständigkeit und eigene Anzeigenwerbung. Wenn es doch in irgendeiner Form eine Zusammenarbeit der Redaktionen gäbe, "dann wäre das eine reine Katastrophe, ein Einheitsbrei", so Röper. "Man muss schon deutlich die Gefahr sehen, dass das droht."

Für eine Zusammenlegung von Herstellung, Verwaltung und Vertrieb werde es grünes Licht der Kartellwächter geben, meint Röper. "Das wäre weniger als das WAZ-Modell, wie es in Österreich (mit der Mediaprint bei Krone und Kurier) praktiziert wird", fügt der Medienforscher hinzu. Die WAZ hat sich auch für die Berliner Zeitung interessiert, aber wegen des Preises von kolportierten 200 Millionen Euro abgewunken. Bemerkenswert findet Röper: Holtzbrinck würde seinen Marktanteil vom neunten auf den dritten Rang verbessern - und hinter Springer und der WAZ zum drittgrößten Zeitungskonzern Deutschlands werden. "Das ist schon famos. Vor zwanzig Jahren waren sie in diesem Bereich noch gar nicht tätig. Sie haben diese Position ausschließlich durch Aufkäufe, nicht durch Neugründungen erreicht." Zum Verlag gehören auch Zeit und Handelsblatt.

Nach Röpers Beobachtungen war der Zeitungsmarkt in Deutschland seit der Einführung der so genannten Presseklausel mit sehr strengen Auflagen 1975 "faktisch statisch". Mit dem Argument der wirtschaftlichen Probleme versuchten nun auch Großverlage "Konzentrationen anzustreben, die früher in Deutschland undenkbar waren", so Röper. "Jetzt rollt zum ersten Mal eine Fusionswelle über den Markt, insbesondere bei Regionalzeitungen."

So stieg der Münchner Verleger Dirk Ippen, der den Münchner Merkur und die tz herausgibt, vor kurzem bei der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen ein. Von Weserkurier und Bremer Nachrichten sei nur noch der Politikteil unterschiedlich, so Röper. "Vereinigungen in eine verlegerische Hand sind fast immer mit publizistischen Einbußen verbunden. Das kennen Sie ja in Österreich." (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD, Printausgabe, 28.6.2002)

Nachlese

Berlins Zeitungen bei Holtzbrinck
Gruner+Jahr stößt Regionalblätter ab, Konzentration befürchtet

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