Blind Auto fahren

28. Juni 2002, 17:58
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Bionik verhilft mit TV-Kamera und Hirnreizung zu Farbbildern

Lissabon/Ypsilanti - Der Bionik gelingen immer offensichtlichere Erfolge beim Überbrücken beschädigter Nerven - zuletzt in zwei Versuchsreihen, eine mit Polymer-Nerven-Verbindungen, die andere mit einer TV-Kamera.

Spektakulärer Erfolg dabei: Acht Blinde konnten auf einer Privatstraße dank Sehbehelf Pkw steuern. Und so erreicht der US-Amerikaner William Dobelle, der Labors in Lissabon unterhält, die entsprechende Wahrnehmung: Die Blinden bekamen Brillenfassungen mit Mini-TV-Kamera darauf aufgesetzt. Deren Bilder gehen an einen Kleincomputer am Gürtel, der die Daten für einen Stimulator umsetzt.

Dieser sendet seine Signale über ein Kabel an Elektroden. Diese reizen die Hirnoberfläche an für das Sehvermögen wichtigen Abschnitten so, dass die Blinden "Phosphene" sehen - Lichterscheinungen, die durch Reizung bestimmter Gehirnareale entstehen.

Vier der acht Blinden im Test sahen erstmals voll färbige Phosphene. Der Sehbehelf reicht zunächst für bessere Mobilität. Künftige, rund 100.000 US-Dollar teure Weiterentwicklungen könnten den Blinden helfen, "das Internet zu durchforsten oder fernzusehen", hofft Dobelle, der sein Konzept kürzlich auf dem Kongress der US-Gesellschaft für künstliche innere Organe vorstellte.

Die Elektroden, die im Kontakt mit lebendem Gewebe oft zu unflexibel sind, könnten ihre Signale noch viel besser an Nervenzellen weitergeben, befanden Forscher gestern, Donnerstag, auf der Tagung der American Chemical Society in Ypsilanti, Michigan. Eine neue Schnittstelle zwischen Technik und Nervenzellen soll dies ermöglichen: eine Polymer-Oberfläche mit Wachstumsfaktoren, die die Zellen zum Hineinwachsen bringen soll. Weiteres Ziel: Jede einzelne Sonde im Gehirn soll sich mit mehreren Neuronen "kurzschließen" und so auch Signale nach außen tragen können. Damit könnten etwa Muskeln, die infolge von Nervenverletzungen gelähmt sind, wieder Kommandos erhalten und Lähmungen behoben werden. (rosch, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.06.2002)

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