Dollarhörig

27. Juni 2002, 19:32
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Der Euro ist seit seiner Einführung praktisch nur Spielball der US-Wirtschaftsentwicklung - Von Helmut Spudich

Für die Seele der noch unsicheren Eurobürger ist es Balsam, für europäische USA-Reisende bedeutet es eine Hand voll Dollar mehr in der Tasche. Ansonsten demonstriert der Anstieg des Euro gegenüber dem Dollar vor allem eines: Die weitere massive Abhängigkeit der Wirtschaft des EU-Raums von der Wirtschaftsentwicklung der USA. Denn nicht der Euro ist auf einem Höhenflug, sondern der Dollar im Sinkflug.

Damit hat die Regierung Bush, die lange Zeit im starken Dollar ein willkommenes Symbol auch einer starken politischen Ansage in der Welt gesehen hat, stillschweigend den Nutzen des schwächelnden Dollars hingenommen: US-Exporte werden auf den Auslandsmärkten billiger, US-Importe teurer, was dem riesigen Handelsbilanzdefizit der USA entgegensteuert.

Auch wenn diese Tendenz der Entwicklung offenkundig ist, so ist offiziell gar nichts passiert: US-Präsident George Bush spricht einmal davon, dass "Marktkräfte" den Kurs bestimmen, ein anderes Mal, dass vom harten Dollarkurs nicht abgerückt werde. Tatsache ist, dass die USA seit jeher zurückhaltend sind, wenn es um Interventionen auf den Währungsmärkten geht - die Intervention zugunsten des Euro im vorigen Jahr war die Ausnahme von der Regel.

Für Europäer hat das unerwartete Comeback des Euro darum eine benebelnde Wirkung: Es beglückt - und verdeckt die Tatsache, dass die gemeinsame Währung seit ihrer Einführung zu einem Kurswert von 1,17 US-Dollar praktisch nur Spielball der US-Wirtschaftsentwicklung ist. Wenn bessere US-Daten hereinkommen, wie am Donnerstag ein unerwartet starkes US-Wachstum, schreckt der Euro sofort wieder zurück. Für einen tatsächlich starken Euro ist anderes nötig: wirklich gute Nachrichten aus Europa. Und die sind seit langem Mangelware. (DER STANDARD, Printausgabe 28.6.2002)

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