Ein Ferienbeginn in Hütteldorf

27. Juni 2002, 19:44
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Die 29. Unglaubwürdige Reise

Auf einem Amateurfoto ist die Rapid-Mannschaft nach dem 1:0-Sieg über den FAC am siebten März 1920 zu sehen. Fünf Jahre später wirken sie nicht nur siegessicherer, sondern vor allem durchtrainierter und um die fünf Jahre verjüngt, die sie älter geworden sind.

Von ihnen wüsste man gerne, was sie vom knappen Sieg Deutschlands über Südkorea halten. Auch, wie stark und wo sie ihre Siege gefeiert haben. Es gab Brandstedters Restauration "Zum Schweinernen Frack", auch Aichingers Weinschank "Zum Rosenthal" (schöner schattiger Garten) oder die "Gastwirtschaft zum Deutschen Orden".

Es kommt auf die Sicht an, auf die frühe Sicht und auf die frühen Begriffe. Die hießen für uns Zwillinge an jedem Sonntag: Hütteldorf oder Heiligenstadt. Beide waren sofort diametral, entweder/oder, wobei wir immer nur in das "oder" wollten, aber mit unserer Tante an jedem zweiten Sonntag nach Hütteldorf mussten.

"Mit Hütten oder Hütterln hat der Ortsname, wie man weiß, nichts zu tun", wird im Vorwort zum Hütteldorf-Album 1880-1930 erklärt. Wer weiss von der Gründerin Ute, einem Gründer Outo und von der Siedlung Utendorf (zwischen der Rosentalgasse und der Hüttelbergstraße), von dem gleichnamigen Adelsgeschlecht, das schon zu Beginn des vierzehnten Jahrhunderts erloschen ist?

Erst im sechzehnten Jahrhundert war der Ortsname zu dem anlautenden "H" gekommen, das Hütten evoziert. Otto Wagner ließ sich davon nicht stören, er baute seine beiden Sommervillen, keine Hütten, entlang der Hüttelbergstraße.

Wer aber an vielen späteren, noch unbegriffenen Sonntagen nur eine einzige Wahl hatte, Hütteldorf oder Heiligenstadt, wollte von dieser Wahl gleich nichts wissen. Sie war inkommensurabel und entschieden, ehe sie dem erschrockenen Wähler zugemutet wurde. Er hatte ohnehin schon früh vermutet, dass er sich mit dem Panorama auf den Bahnhof Hütteldorf und den Steinhofgründen im Hintergrund, mit dem Tageserholungsheim der Wiener Gebietskrankenkasse und dem Rekonvaleszentenheim für Frauen, mit dem Blick zur "Knödelhütte" und dem Hackingerkar und der "Überlandzentrale Rosenthal" inklusive Vinzenz Wurms Gastwirtschaft "Zum Rosenthaler Paradies" zufrieden geben müsse.

Er hätte im Augenblick lieber jede weitere Information und auch jedes weitere Panorama dort gelassen, wo es sich selbst genügte, ohne ihn zu behelligen. Erst ganz zuletzt kam ihm die Hoffnung auf Heiligenstadt zu Hilfe, jenseits der Kaiserin-Elisabeth-Westbahn, weg aus dem verrammelten Augenblick: die Linie D nach Nussdorf, die offene Ebene, die Donau, an der Wien nicht liegt, die es aber an sich heranlässt: mit dem regulierten Wienfluss, den Weinschenken und den Schneckenwiesen, mit dem Heiligenstädter Wehr. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.6.2002)

Die nächste "unglaubwürdige Reise" wird am kommenden Freitag angetreten.
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