Freisetzung der Urkräfte

27. Juni 2002, 19:52
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Wiederaufnahme von "Don Giovanni" im Theater an der Wien

Wien - Kein Sportwagenführer als Titelheld trat diesmal mit seinem Mechaniker an, um der Weiblichkeit an den Kragen und unter die Röcke zu gehen: Wir sprechen vom Theater an der Wien, nicht von jenem an der Salzach, sprechen von der Wiederaufnahme des Mozartschen Don Giovanni als Koproduktion der Wiener Festwochen mit der Wiener Staatsoper.

Selten hat jemand den lebendigen Pulsschlag dieser schwarzen Komödie, den unersättlichen Vorwärtsdrang, das obsessive Prinzip der Musik so flüssig, locker, zielgerichtet nachgezeichnet wie Riccardo Muti mit den Philharmonikern. Erfreulich auch die vokale Seite des Unternehmens. Barbara Frittoli als Donna Anna verströmt beim Singen aristokratische Innerlichkeit, ohne ins Ultradramatische zu verfallen.

Regina Schörg, als Elvira wie eine Art Bonbonfee ausgestattet, bevor sie - einer Magierin gleich - ihre roten Haare ins Spiel bringt auf der Suche nach dem Exlover, besitzt stimmlich Präsenz. Eine Spur mehr Exaltiertheit hätte nicht geschadet. Angelika Kirchschlager als Zerlina kommuniziert gekonnt in verschiedenen Lagen und Sprachen: mit erregter Beteiligung im Liebesduett mit Don Giovanni, mit einem ordinären Touch bei "Batti batti" ("Schlag mich, schlag mich") zu Masetto. Gegen derlei vokale Übermacht wirkte der Tenore di grazia Giuseppe Sabbatini zuerst wie eine Operettenkarikatur.

Vielleicht war es seine Art gräflicher Zurückhaltung - nach der Pause war er fitter. Bei Carlos Alvarenz in der Titelrolle vermisste man bei aller Souveränität und allem metallisch-abweisenden Macho-Charme - das entscheidende Quantum sinnlicher Verführungskunst und Erotik. Da ist sein Domestik und Statthalter in puncto Verführung, Ildebrando d'Arcangelo als Leporello, von ganz anderem Kaliber.

Auch wenn die Regie herkömmlich war, das funktionelle Bühnenbild mit Spiegeln, Lüstern, Treppen und einer Art Labyrinth auf dem Fußgängersteg (Nicola Rubertelli), vor allem die Kostüme (Zaira de Vincentiis) galten als Eyecatcher. Ein Happyend, wie in der barocken Oper üblich, gibt es bei Mozart nicht mehr. Zumindest nicht, wenn Da Ponte mit im Spiel war. Muti forcierte denn auch die Musik ins Dämonische hinein, nicht nur während der Szene mit dem Commendatore, der den Held ins Jenseits befördert. Und doch: Die Urkräfte des Erotischen bleiben bei dieser Produktion keinesfalls unter Verschluss. (henn /DER STANDARD, Printausgabe, 28.6.2002)

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    foto: festwochen/zeininger
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