"Vertrauenskrise und Zinsdifferenzen"

27. Juni 2002, 17:04
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Nationalbank-Direktor Peter Zöllner betont Zusammenhang zwischen schwachen US-Börsen und Dollar-Abwertung

STANDARD: Was sind die Gründe für die Talfahrt des Dollar?

Zöllner: Anlass könnte Enron bis Worldcom und die Vertrauenskrise in das gesamte System der US-Bilanzen und Wirtschaftsprüfer sein. Das ist ein schwerwiegendes Problem, das sich nicht in zwei Wochen in Luft auflöst.

STANDARD: Und Gründe über den Anlassfall hinaus . . .?

Zöllner: Man muss auch sehen, dass für kurzfristige Veranlagungen im Euroraum 3,70 Prozent Zinsen und in den USA 2,73 Prozent gezahlt werden. Zum Pfund macht der Zinsspread überhaupt 200 Basispunkte aus. Dazu kommt sicher die Angst vor weiteren Terroranschlägen in den USA.

STANDARD: Was muss geschehen, dass das Pendel für den Euro wieder in die andere Richtung ausschlägt?

Zöllner: Wenn sich die Muster der Vergangenheit wiederholen, kann es wieder zu einer Richtungsumkehr kommen. Das ist absolut klar. Dazu müsste sich die Weltwirtschaft, ausgehend von den USA, deutlich erholen und wieder mehr Kapital in die Vereinigten Staaten schwappen. Gehen die Aktienmärkte weiter hinunter, leidet auch der Dollar. Das scheint das Strickmuster zu sein.

STANDARD: Überwiegen die Vor- oder die Nachteile eines starken Euro für die österreichische Wirtschaft?

Zöllner: Seit Jahresanfang stieg der Euro gegenüber dem US- Dollar um zehn Prozent. Innerhalb dieser Bandbreite sehe ich grosso modo keine dramatischen Auswirkungen. Gestiegenen Exportkosten stehen etwa günstigere Ölimporte gegenüber. Ein starker Euro wirkt auch inflationsdämpfend. (DER STANDARD, Printausgabe 28.6.2002)

Mit Peter Zöllner sprach Michael Bachner
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