Mordprozess Wurst : Arzt als Anwalt von zwei Straftätern

27. Juni 2002, 17:03
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Primar verteidigte Zellennachbar gegen Psychologengutachten

Klagenfurt - Der wegen Anstiftung zum Mord und sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen angeklagte Kärntner Kinderarzt Franz Wurst (82) gab am Donnerstag am Landesgericht Klagenfurt zu, einen Zellennachbar verteidigt zu haben. Er habe die belastenden Aussagen der Kinder angezweifelt und daher an Kollegen geschrieben, sagte er. Die Zweifel bestünden nämlich bei vernachlässigten Kindern allgemein. In einem zweiten Fall schrieb Wurst eine Petition für einen Sexualtäter.

Richtigkeit der Aussagen bezweifelt

Ein 18 Mal vorbestrafter Zellennachbar Wursts war im Vorjahr angeklagt, seine beiden Kinder sexuell missbraucht zu haben. Nach dem Urteil in erster Instanz schrieb der Arzt aus der U-Haft an einen Wiener Fachkollegen, der das psychiatrische Gutachten über die Kinder erstattet hatte, sein Mithäftling sei ein "Ehrenmann." Weiters bezweifelte Wurst die Richtigkeit der Aussagen, wegen denen der Mann verurteilt worden war.

Wurst kommentierte die ihm von Richter Wilfried Kirchlehner vorgehaltenen Zeilen folgend: "Heute würde ich nicht mehr Ehrenmann schreiben. Außerdem habe ich in dem Schreiben an meinen früheren Schüler in Wien zwar die Glaubwürdigkeit der Kinder in Frage gestellt, aber nichts als unmöglich bezeichnet."

Vernachlässigte Kinder unglaubwürdig

Staatsanwalt Gottfried Kranz fragte nach, ob für Wurst vernachlässigte Kinder allgemein unglaubwürdig seien. Wursts knappe Antwort: "Ja." Der Angeklagte ließ das Gericht wissen, er arbeite gerade an einem Buch zu diesem Thema.

Kirchlehner erwähnte ein zweites Schreiben an einen Arzt im deutschen Bonn, in dem Wurst das Gutachten seines Wiener Fachkollegen angezweifelt habe. Wurst: "Es stimmt, ich habe auch diesem Ex-Schüler von mir geschrieben." Der Arzt fügte hinzu: "Ich habe mich nicht übermäßig strapaziert, um meinem Haftgefährten aus der Patsche zu helfen. Aber mit Kinderaussagen kenne ich mich aus und wäre damit vorsichtig."

Der Richter rief dem Arzt den Fall eines Kollegen an seiner Abteilung in Erinnerung, der sich an einer Patientin vergangen hatte. Kirchlehner: "Da haben sie sich auch für den Verurteilten eingesetzt, eine Petition an den Bundespräsidenten geschrieben und die Aussagen des jugendlichen Opfers angezweifelt." Wurst-Verteidiger Helmut Sommer nahm seinen Mandanten in Schutz: "Er hat sich diese Barmherzigkeit gegenüber einem Ex-Mitarbeiter erlaubt." (APA)

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